Dienstag, 24. April 2018

A Place To Bury Strangers: Nicht um jeden Preis

A Place To Bury Strangers
„Pinned“

(Dead Oceans)

Ein Kompliment ist das ja nun nicht gerade, was man da so liest. Die New Yorker Kapelle A Place To Bury Strangers wurde offenbar Zeit ihres Bestehens dafür verehrt, als unhörbar zu gelten. Markenzeichen und Schlüsselmerkmal war also die Erzeugung infernalischen Lärms, der unvorbereitete Konzertbesucher panisch das Weite suchen ließ wie in den Anfangstagen der legendären The Jesus And Mary Chain. Unberücksichtigt blieb dabei offenbar die Fähigkeit, Struktur und Substanz in die Noiseorgien zu verbauen, gerade auf den letzten beiden Alben „Worship“ und „Transfixation“ trat ja genau diese Eigenschaft stärker als zuvor zu Tage. Und nun, da Sänger und Gründer der Band Oliver Ackermann verkündet, Krach um des Kraches Willen sei seine Sache nicht mehr, ist alles am Schmollen: “I couldn’t make too much noise, couldn’t disturb my neighbors“, sagte er kürzlich dem Magazin Spectrum Culture, “I would just sit there and write with a drum machine. It had to be about writing a good song and not about being super, sonically loud.”



Die eigene Firma Death By Audio den Bach runter, die Pegel nach unten gedreht – da kann ja nix Gutes mehr kommen, so die weitläufige Meinung. Weit gefehlt. Denn die neue Platte hat ein Merkmal zurückgewonnen, daß so nur zu Zeiten des Debüts der Formation zu hören war: „Pinned“ klingt vielleicht nicht mehr ganz so krass und ohrenbetäubend, aber deutlich mehr nach DIY, der Sound ist weniger clean und ausproduziert, sondern kommt rougher, dreckiger, organischer daher. Klar geht die Band den Weg, der momentan vielen als lohnenswerte Neuausrichtung gilt, der Post-Punk ist in aller Munde, wird aber selten so konsequent umgesetzt wie hier. Daß Lia Simone Braswell mit an Bord ist, die ja auch schon bei den Le Butcherettes trommelte, ist dabei sicher kein Fehler, ebensowenig, daß sie sich die Planstelle mit einem Drumcomputer teilen muß.



Denn der läßt den Sound von APTBS nicht nur nach den üblichen Referenzgrößen Joy Division und New Order klingen, sondern pluckert ebenso schön und dumpf wie zu Zeiten von Alan Vega und Martin Rev bei Suicide. Man meint, die Platte wäre tatsächlich mit uralter Technik in einer staubigen Kellergruft aufgenommen und mit ebenjenem Empfinden haben die drei auch gleich die passende Kulisse als Hintergrund für ihre düsteren Texte über Paranoia, Zerstörung, Endzeitstimmung, Hoffnungslosigkeit projiziert. Ein bedrohlicheres Gemisch läßt sich wahrlich kaum vorstellen, die schockgefrosteten Beats rucken und rumpeln herrlich unrund zu kreischenden Gitarren oder dronigen Synths und ganz am Ende („Keep Moving On“) darf sogar der ehrwürdige Fad Gadget noch mal als Blaupause herhalten. Es gibt wahrlich keinen Grund, das zu bedauern. https://aplacetoburystrangers.bandcamp.com/

24.04.  Winterthur, Salzhaus
28.04.  Dortmund, FZW
07.05.  Berlin, Bi Nuu
08.05.  Hamburg, Logo

Kluster: Gleich beim ersten Ton

Manche Songs brauchen einfach nur ein paar Takte, um sich festzuhaken, man weiß im nächsten Moment, daß da was draus werden kann. Aktuelles Beispiel sind Kluster aus dem schwedischen Malmö. Das Quintett, bestehend aus Linnea Hall (Gesang), Pontus Örnstrand (Keyboard), Sebastian Hegedüs (Gitarre), Adam Jonsson (Gitarre) und Andreas Pollak (Drums), hatte im Februar seine Debütsingle "Over My Head" platziert und schon damit wohlwollende Kommentare der einschlägigen Musikportale eingesammelt. Nun gibt es mit "In Your Hometown" ein zweites Stück zu hören, auch dieses sowohl beschwingt arrangiert und doch tricky genug angelegt, um aus der Flut täglicher Neuerscheinungen angenehm herauszustechen. Für den 15. Juni hat ihr Label Rama Lama Records das erste Album "civic" angekündigt - wir freuen uns darauf.


Mystery Art Orchestra: Vor Ort gefischt

Daß Post-Punk noch immer das Ding der Stunde ist, kann man an jeder Häuserecke hören. Und bevor wir wieder in internationalen Gewässern fischen gehen, legen wir kurz im Heimathafen an und möchten dort auf eine Perle verweisen, die zu heben die Mühe durchaus lohnt. 2012 wurde in Berlin die Band Mystery Art Orchestra gegründet und zwar von Sänger und Gitarrist Tino Bogedaly. Ziemlich fix gesellten sich ihm Keyboarder André Wlodarski und Bastian Müller an den Drums zur Seite. Nach einer Zeit erfolgreichen Tourens durch Portugal, England und Deutschland steht nun endlich für den 25. Mai die Veröffentlichung des Debütalbums "Prismatic Dream" auf dem eigenen Label robojim an, neben dem etwas älteren Stück "Sunday Afternoon" gibt es hier die Vorabsingle "Awake" zu hören.

12.05.  Brandenburg, Haus der Offiziere - Record Release



Montag, 23. April 2018

Die Wilde Jagd: Verführung

Die Wilde Jagd
„Uhrwald Orange“

(Bureau B)

Was das nun wieder ist? Keine Ahnung. Egal, so lange es so gut klingt. Nun, ganz so einfach sollte man sich das vielleicht auch wieder nicht machen, denn wer in den letzten Jahren etwas aufgepasst hat, dem sind zumindest die folgenden beiden Namen ein Begriff. Sebastian Lee Philipp zunächst als studierter Songschreiber und Multiinstrumentalist, Hälfte des Elektropop-Duos Noblesse Oblige, der unter dem Pseudonym Die wilde Jagd 2015 das gleichnamige Debüt veröffentlichte. Und zwar gemeinsam mit dem kongenialen Partner Ralf Beck, Herr über tausendundeins Soundeffektgerätschaften und ausgestattet mit der Schlüsselgewalt über das Berliner Tonstudio Uhrwald Orange. Dorthin genau hatte sich Philipp vor einiger Zeit zurückgezogen, um seinen wilden und durchaus ungewöhnlichen Ideen Raum zu geben, zu basteln, zu schrauben – und fand wiederum in Beck den passenden, weil erfahrenen Produzenten, der nunmehr nicht als Mitstreiter fungierte, sondern dem Werk eher die Richtung, Tiefe und technische Brillanz verpaßte, mit dem es jetzt zu begeistern vermag.

Stilistisch läßt sich das Ganze sehr schwer eingrenzen, Goth-Trance, Urkrautrock, psychedelischer Synthpop, es gibt ja kaum ein Genre, daß Philipp nicht zu kreuzen bereit ist und selbst mit dem Fingerzeig des Labels, er habe sich zu gleichen Teilen von dem Gemälde „Tiere der Nacht“ des flämischen Malers Frans Snyders und dem spätmittelalterlichen, katalanischen Liederzyklus „Rotes Buch von Montsserat“ inspirieren lassen, läßt sich herzlich wenig anfangen. Es führt einen nun noch weiter in den labyrinthischen Kosmos des Künstlers hinein, bevölkert von sagenhaften Wesen, Weisen und Texten und vertont mit einer Vielzahl verschiedenster Klangfarben auf der reichhaltigen, dunkelbunt schillernden Arbeitspalette. Man möchte Begriffe wie „Mantra“, „Sog“ und „hypnotisch“ nicht über Gebühr strapazieren, hier aber sind sie so treffend wie selten angebracht, weil den acht Stücken des Albums genau das zuteil wurde, was anderswo oft fehlt: Zeit.

Philipp läßt ihnen tatsächlich sehr viel Raum zum Wachsen, schon der erste Track „Flederboy“, instrumental wie der Großteil des Albums, bekommt mehr als eine Viertelstunde, um sich einzuschwingen. Das Ergebnis ist, wie auch im weiteren Verlauf des knapp achtzigminütigen Werkes, schlicht und wortwörtlich berauschend, die Fülle an Geräuschen, komplexen Schichtungen, Instrumentierungen, die Dreingabe von Chorälen, rätselhaften, teils mytischen Rezitativen und Textfragmenten ist so kunstvoll geraten, daß man sich gern in diesen rhythmischen Malstrom hineinziehen läßt. Denn hier liegt die zweite Qualität von „Uhrwald Orange“ – der organisch anmutende Vibe, Groove, Beat (you name it) ist zwingend, verführerisch, ja ausweglos. Zuweilen erinnert das auch an den Erstling der Schwedin Karin Dreijer Andersson aka. Fever Ray (die ja mittlerweile eher in Richtung Tanzmusik unterwegs ist), wobei die Esoterik hier noch durch mittelalterliche oder auch alttestamentarische Bezüge ergänzt wurde.

Etwas düster ist das natürlich schon, wenn die „Säuregäule“ oder „2000 Elefanten“ durch eine „Fremde Welt“ stampfen, wo fahlen, zerbrechlichen Wesen das Blut durch des Ginsters Gift gefriert – aber es ist nicht die krankhaft irre Endzeitkulisse eines Hieronymus Bosch, die das Bild bestimmt. Eher ein Tagtraum, ein Trugbild, dem man übernächtigt und hochkonzentriert folgt, voller Neugierde, was sich bei all dem geheimnisvollen Raunen, Knirschen und Rauschen wohl hinter der nächsten Biegung erhebt. Philipp hat das Beck’sche Studio als Abenteuerspielplatz für seine Fantasie genutzt und mit dem vorauseilenden Schauder kindlicher Entdeckerfreude verknüpft: „Ich will die Studiogeräte zum Singen bringen und eine Klangwelt erschaffen, in der jeder Ton und Effekt eine Stimme bekommt. Eisenschellen werden zu Hufgetrappel, Synthesizerklänge zu Krähenrufen und der Plattenhall zu Donner. Alle Elemente wurden so zu den Einwohnern und Naturmächten des Uhrwalds Orange.“ Wir wären verrückt, wollten wir ihm nicht folgen.

12.06.  Berlin, Berghain Kantine
13.06.  Hamburg, Club!heim
14.07.  Düsseldorf, Open Source
29.07.  Wien, Creau
25.08.  Schwabmünchen, Singoldsand Festival

Janelle Monáe: Ganze Sache [Update]

Mutti hat immer gesagt: "Sag erst was, wenn's was zu sagen gibt!" Gut, haben wir uns nicht immer dran gehalten, hier aber schon. Denn die Nachricht, daß die zauberhafte Janelle Monáe eine neue Platte mit dem Titel "Dirty Computer" plant, ist schon ein paar Tage alt, aber so viel mehr als eben diese Meldung lag bislang nicht vor. Bis heute. Nun haben wir für den Nachfolger von "The Electric Lady" aus dem Jahr 2013 Coverart, Veröffentlichungstermin (27. April) und ganze zwei ziemlich heiße Videos zu den Vorabsongs "Make Me Feel" und "Django Jane". Na, wenn das nichts ist...

Update: Und nun, nach "Make Me Feel", "Django Jane" und "PYNK" als letzter Song im Bunde das Video zu "I Like That".





Saltwater Sun: Nur etwas anders [Update]

Alles plötzlich so zivilisiert hier: Auf den Pressebildern sehen Saltwater Sun, fünfköpfige Band aus London, nun nicht mehr ganz so ernst aus, kein durchgängiges Schwarz mehr, keine tristen Räumlichkeiten. Jetzt also sogar zartrosa Hintergrund und gepflegtes Haupthaar, man wird halt älter. Früher heißt übrigens 2015, damals tauchten sie mit ihrer EP "Wild" auf - jetzt gibt es mit der Single "The Wire" neues Material und die klingt, das ist der Trost, dann doch nicht ganz so brav. Gut so.

Update: Seit heute gibt es zu dem wunderschönen "The Wire" auch noch einen Clip von Laurie Barraclough



Freitag, 20. April 2018

Sleaford Mods: Coming Of Rage

Den 8. Juni werden sich viele Menschen sehr fett im Kalender anstreichen, denn dann endlich kommt in den Handel, was zuvor bei zahlreichen Live-Screenings und im TV auf Arte zu sehen war und mit Recht den letztjährigen Q-Award für den besten Musikfilm gewann - "Bunch Of Kunst", die mitreißende Dokumentation über die Sleaford Mods aus Nottingham, eine der erstaunlichsten Coming-of-Rage-Stories der letzten Jahre über eine der besten Livebands der Jetztzeit. Wer den Film von Christine Franz gesehen hat, der weiß, daß hier keineswegs übertrieben wird, wer die Mods jemals on Tour erlebte, ist ihnen ohnehin schon hoffnungslos verfallen. Vorbestellbar ist der Silberling momentan schon bei Cargo Records und kommt dort zusammen mit einem Mitschnitt des zuvor schon veröffentlichten Konzerts aus dem Berliner SO36 in den Verkauf. Go for it!

An dieser Stelle auch gern noch mal der Hinweis auf unser Interview mit der Regisseurin des Films - hier.

Die Nerven: Anhaltende Aufruhr

Die Nerven
„Fake“
(Glitterhouse)

Manchmal kommt man schon darüber ins Grübeln, warum das denn so sein muß, dass die richtig guten Sachen meistens auch die richtig schwierigen sind. Solche also, die Kopfarbeit einfordern, die anstrengend, unbequem, unnachgiebig sein und einem den letzten Nerv (sic!) rauben können. Das gilt für Bücher, Filme und für die Musik, wo nur nachhaltig bleibt, was Unruhe zu erzeugen vermochte. Eine erschöpfende Antwort ist nicht so schnell zu finden, wohl aber mit dem neuen, vierten Album der Band Die Nerven ein Beispiel zur Untermauerung der These. Einfach zu haben war das Trio noch nie, Max Rieger, Julian Knoth und (später) Kevin Kuhn bewegten sich in ihren Anfangstagen allerdings ein wenig unter dem Wahrnehmungsradar, was vielleicht etwas damit zu tun hatte, daß viele Leute Punk und Stuttgart nicht ganz so einfach übereinander brachten wie beispielsweise Hamburg oder Berlin. So zu tun, als ob die Band gerade einen Überraschungscoup gelandet hat, wäre dennoch ungerecht, denn auch Fluidum, Fun und OUT, ihre bisherigen Platten, waren kleine Meisterwerke. Nur eben weitgehend unentdeckte respektive ignorierte.

Das jedenfalls, soviel ist sicher, wird ihnen nun nicht mehr passieren, denn nachdem sie live seit Jahren schon eine eigene Kategorie definieren (die sie erst kürzlich mit einer phänomenalen Pressung untermauerten), gibt es nun sogar internationale Aufmerksamkeit und Beifall, hierzulande sollte „Fake“ den Durchbruch bringen. Auch oder gerade weil es – siehe oben – wieder ein zorniges, ein aufrührendes Werk geworden ist. Das waren zwar die drei Vorgänger auch schon, doch kommen jetzt zu Wut und Frust noch deutliche Anflüge von Wehmut und Melancholie hinzu. Und eine hörbare stilistische Auffächerung des Sounds, die den musikalischen Nebenschauplätzen von Rieger (All diese Gewalt), Knoth (Peter Muffin) und Kuhn (Karies) Rechnung trägt. Mehr Elektronik also, wenn auch sparsam eingesetzt, mehr Mut zur tragenden Melodie und häufiges Spiel mit Pausen, Rhythmus- und Tempowechseln. Wer unbedingt einen Vergleich braucht, kann in Deutschland möglicherweise bei den Münsteranern von Messer fündig werden.

Leiser wird es deswegen trotzdem nicht. Wenn der Einstieg mit „Neue Wellen“ und „Niemals“ vielleicht etwas gemäßigter geraten ist und eher dem Etikett Post-Punk genügt, wer sich wie Die Nerven entschieden hat, in seiner Arbeit das Gegenwärtige, und sei es auch noch so unangenehm, zu spiegeln (Stichwort: What a time to be alive), der muß wehtun. Und so finden sich natürlich viele beißende Kommentare zum dem, was uns fälschlicherweise als soziales Netzwerk verkauft wird und doch nur eine kalte, künstliche Parallelwelt ist, die gleichwohl die Kraft hat, Leben zu manipulieren und im schlimmsten Falle gar zu zerstören. „Frei“ zeichnet hier ein ebenso düsteres Bild wie der Titelsong „Fake“, es geht um Deutungshoheit und Meinungsmache, um Multiplikatoren und Algorithmen für die Lügen und den Neid, um den ungezügelten Hass auf alles und jeden (und nicht von ungefähr werden beide Stücke von der Band in eine Doppelsingle gepackt). Dagegen nimmt sich der ferngesteuerte Konsumwahn der Jetztzeit („Skandinavisches Design“) fast schon harmlos aus.

Die neuen Töne sind die traurigen, die rat- und auch mal mutlosen. „Wir machen alles falsch, wir machen alles richtig“ heißt es an einer Stelle und natürlich kommt die Frage, ob früher wirklich alles besser, einfacher war. „Kann es nicht gestern sein?“, eines der stärksten Stücke, spinnt den Faden weiter – wo ist sie denn, die Rückrufaktion für diesen Planeten, für diese Gesellschaft, wo jeder meint, alles richtig, alles korrekt machen zu müssen und dann doch nur wegrennt oder eben Amok läuft. Ist das olympische Motto „Dabeisein ist alles“ der einzige Trost, weil wir uns wenigstens als Zeitzeugen für diesen ganzen Irrsinn fühlen dürfen? Doch wem sollen wir berichten, wenn wir staunend inmitten der „Explosionen“ stehen? Diese und andere Fragen provozieren die Songs, es ist ein kluges, schonungsloses, ernüchterndes Werk geworden. Und auch wenn uns die Antworten dazu fehlen – genauer hinzuhören wäre schon mal ein erster Schritt.

21.04.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
22.04.  Hamburg, Hafenklang
23.04.  Köln, Gebäude 9
27.04.  Schorndorf, Manufaktur
28.04.  München, Strom
29.04.  Wien, Fluc

Donnerstag, 19. April 2018

Courtney Barnett: Wütend genug [Update]

Dass das Cover bei weitem nicht der wichtigste Teil eines Albums ist, das wollen wir gerne zugeben - und vor allem Courtney Barnett gern zugestehen. Die hat ja letzte Woche schon ein wenig herumgeteasert und ist dann heute endlich mit Fakten um die Ecke gekommen: "Tell Me How Do You Really Feel" wird die Platte heißen (VÖ: 18.05.) und wenn man in der Songlist stöbert, kann man relativ schnell erahnen, daß hier kein Kindergeburtstag besungen werden soll - "I'm Not Your Mother, I'm Not Your Bitch" heißt ein Stück, "Hopefulessness" ein anderes und auch in den Lyrics zur ersten Single "Nameless, Faceless" geht es recht deutlich zur Sache: "Don't you have anything better to do, I wish that someone could hug you, must be lonely, being angry, feeling over-looked. You sit alone at home in the darkness with all the pent-up rage that you harness, I'm real sorry bout whatever happened to you." Klingt gerade so, als dürften wir uns wieder auf eine wütende junge Frau mit einer Menge guter Songs freuen. Ach so - wer Lust hat, der Künstlerin ein paar Zeilen zu seinen eigenen Gefühlen zu schicken, vielleicht auch zur Frage, mit welchem Song er/sie diese verbindet, kann das gern auf ihrer Website tun: https://courtneybarnett.com.au/

11.06.  Berlin, Astra Kulturhaus
13.06.  Köln, Live Misic Hall

Update: And now she is floating in space - das Video zur Single "Need A Little Time" mit Klingonen-Lookalikes. Für das aktuelle "City Looks Pretty" wiederum sollte man nicht allergisch auf schnelle Schnitte reagieren...





Audiobooks: Der Schattenmann und das Model

Es ist nun mal so, daß Produzenten, seien sie auch noch so berühmt, eher im Hintergrund arbeiten und selten aus dem Schatten der Künstler, an deren Platten sie arbeiten, heraustreten. Eigentlich nämlich müsste bei Anblick des obigen Bildes ein jeder "Ah!" und "Oh!" rufen (abzüglich derer, die behaupten, sie hätten Saruman in Zivil schon öfter gesehen), denn David Wrench ist als Producer tatsächlich ein richtiges Schwergewicht. Die Reihe der Musiker, auf dessen Payroll er stand, ist so endlos wie namhaft, The XX, Hot Chip, Frank Ocean, Glass Animals, Goldfrapp, David Byrne, John Cale, es ließe sich hier noch so einiges aufschreiben. Daß der Mann jetzt als sein eigener Kunde auftritt, ist deshalb einigermaßen erstaunlich, er tut dies zusammen mit Sängerin und Model Evangeline Ling unter dem Pseudonym Audiobooks und weil der Track gerade von Gorilla Vs. Bear gehypt wird, dürfte da auch was dran sein. Scharfe Beats, Disco, Tanzmusik, irgendwo dazwischen liegt das Ergebnis - die erste Single "Gothenburg" (via Heavenly Recordings) jedenfalls ist mindestens mal ein Geheimtipp.

Bilk: Geradeaus

Zur allgemeinen Auflockerung jetzt mal etwas, was der geübte Leser, der ja in der Regel auch ein geübter Hörer ist, sofort als urbritisch erkennt: Bilk sind drei Jungs aus dem südenglischen Essex und haben gerade ihre zweite Single "Spiked" geteilt, sie folgt dem Debüt "Give Up". Der Sound von Sol Abrahams (Gesang/Gitarre), Luke Hare (Bass) und Harry Gray an den Drums ist einfach und geradeaus und pendelt sich irgendwo zwischen den Arctic Monkeys, The Jam und The Streets ein. Den Bandnamen hat übrigens Sol's Vater, von Beruf Taxifahrer, beigesteuert, der Begriff ist ein Slang-Ausdruck ('getting bilked') für einen Fahrgast, der ohne Bezahlung flüchtet.

Get Well Soon: Seid willkommen, böse Träume

Hatten wir eigentlich schon erwähnt, daß auch unser aller German Wunderkind Konstantin Gropper aka. Get Well Soon ein neues Album am Start hat? Das letzte - "Love" der Titel, ist bekanntlich 2016 erschienen und wenn es stimmt, was man so liest, dann wird sich das neue maßgeblich vom Vorgänger unterscheiden. Denn auf "Horror", so das kommende Werk, hat Gropper drei seiner Albträume verarbeitet und zwar mit eher orchestralem Sound: "Ich freue mich ... über einen bösen Traum. Ich träume so selten spektakulär, dass solche Alpträume für mich wie Inspirationsgeschenke sind. Ich wache auf und denke: daraus muss ich einen Song machen." Zwölf davon finden wir nun auf der Platte wieder, die am 8. Juni bei Caroline Records erscheint, zum Anteasern hat der Künstler zwei Episoden einer Therapiesitzung ins Netz gestellt - viel Spaß damit.

10.08.  Hamburg, Elbphilharmonie
01.10.  Berlin, Volksbühne
08.10.  München, Kammerspiele
12.10.  Leipzig, Westbad
17.10.  Köln, Philharmonie
28.10.  Stuttgart, Theaterhaus



Lykke Li: Traurigkeit ist sexy [Update]

Stimmt, gelernt hat sie nichts. Zumindest nicht, wie man das Leben etwas leichter angeht: Die Schwedin Lykke Li nannte ihr letztes Album "I Never Learn" und darauf fanden sich sehr traurige Popsongs (Beispiel unten "Love Me Like I'm Not Made Of Stone") - nicht erst mit dieser Platte waren diese zu ihrem Markenzeichen geworden. Geändert hat sich daran offenbar wenig, denn gerade teilte die junge Frau aus dem Wallander-Ort Ystad einen Teaser mit dem Titel "So Sad So Sexy". Anzunehmen, daß es sich dabei um den Namen ihres neuen Albums handeln könnte, nach ein paar Kollaborationen mit namhaften Künstlern ihres Heimatlandes wäre auch mal an der Zeit für ein neues Solo. Und das läßt sich, hört man sich die ersten anderthalb instrumentalen Minuten an, ziemlich düster an.

Update: Gleich zwei neue Songs gibt es jetzt, "Hard Rain" und "Deep End" im Audio-Stream, plus Cover-Art - was will man mehr.



Mittwoch, 18. April 2018

Ganser: Das Glück der Verweigerung

Ganser
„Odd Talk“

(No Trend Records)

Spätestens mit der Single „Pyrrhic Victory“, erschienen im September 2016, war klar: Das hier könnte eine neue Lieblingsband werden. Allein der Name: Hergeleitet aus einem psychischen Krankheitsbild, das man auch unter der Umschreibung „hysterischer Dämmerzustand“ findet – gar nicht lustig, aber angemessen schräg und natürlich maximal befremdlich. Dann der Song selbst: Flatternder Bass, Gitarre und Gesang wiegen sich in bester Post-Punk-Manier, verschroben und eingängig zugleich, Volltreffer. Später die dazugehörige EP „This Feels Like Living“, gefolgt von einer Geduldsprobe – warten. Bis jetzt. Und schlußendlich Erleichterung. Und zwar über einen Entscheidung, die nur auf den ersten Blick widersinnig erscheint.



Denn auf dem Debütalbum findet sich kaum ein Stück, das annähernd solche Harmonien wie die besagte  Erfolgs-Single aufweist. Das Quartett aus Chicago hat bewusst auf jegliche Glättung verzichtet, nicht von ungefähr erinnern die Songs auf „Odd Talk“ eher an den indifferenten No-Wave von Sonic Youth. Der Sound ist schroff, meistenteils analog, die Gitarren scheppern und splittern, Ruhepunkte sind nur wenige auszumachen. Die drei Vorabsingles in Folge geben dafür ein gutes Beispiel – „Satsuma“ klirrt zu mächtigen Drums, bei „PSY OPS“ dann schneller Punk, gemischt mit Sprachsamples und taumelnden Vocals, „Avoidance“ wiederum bekommt eine sparsame Synthgrundierung, es bleibt dennoch hart, hektisch, ruhelos.



Haben sie sich mal wie bei „Aubergine“ auf ein gefälligeres Thema eingelassen, wird dieses kurz darauf wieder lustvoll zerstört, man hat tatsächlich den Eindruck, daß eine der Triebfedern für die Platte die Flucht vor übermäßiger Ausgewogenheit war. Denn was sperrig ist, entgeht der Vereinnahmung, bleibt widerständig, authetisch. Und auch für die Fans hat diese kreative Art der Verweigerung etwas Gutes, die Gefahr, daß Alicia Gaines, Nadia Garofalo, Brian Cundiff  und Charlie Landsman demnächst durch die üblichen Latenight-Shows oder smarte Indieprogramme gereicht werden, ist überschaubar, man wird Ganser auf längere Zeit für sich haben. Und das ist ein weiterer Grund, dieses Album in höchsten Töne zu loben. Gewöhnliches können gern andere hören. https://ganser.bandcamp.com/



Slow Mass: Keinen Abbruch

Naja, der schöne Wortwitz ist jetzt perdu: Als wir Slow Mass, Hardcore-Kapelle aus Chicago vor zwei Jahren mit ihrer Debüt-EP "Treasure Pains" hier vorstellten, spielten da noch Josh Parks und Josh Sparks zusammen.. Letzterer hat die Band laut Stereogum in Richtung Minus The Bear verlassen, als Ersatz konnte Dave Maruzzella für die Drums gefunden werden. Der Motivation hat das keinen hörbaren Abbruch getan, für den 11. Mai ist nun das erste Album "On Watch" via Landland geplant und mit "Schemes", "Blocks" und dem aktuellen "Oldest Youngest" gibt es gleich zwei Vorboten davon auf die Ohren. Und an Spaß und Bissigkeit haben sie, wie man bei Cover und Bandfoto erkennen kann, auch nichts verloren.

Iceage: Dringliche Zusammenfassung [Update]

Zu den dänischen Iceage gab es in den letzten Tagen eine Reihe von Updates, die dringend in einem neuen Beitrag zusammengefasst gehören: Schließlich reden wir jetzt von einem neuen Album namens "Beyondless", zum dem mittlerweile auch ein VÖ-Termin (4. Mai via Matador Records) und die schön gestaltete Verpackung (s.o.) vorliegen, dazu nach der Vorabsingle "Catch It" auch die beiden Folgestücke "Pain Killer", eingesungen mit Popsternchen Sky Ferreira und (ganz aktuell) "Take It All" - dazu noch ein paar zusätzliche Livedaten zu dem bislang für Mai gemeldeten Berlin-Gig. Schöne, runde Sache, das.

04.05.  Berlin, Privatclub
31.08.  Hamburg, Off Radar Festival
12.09.  Köln, Blue Shell
13.09.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
15.09.  Berlin, Bi Nuu
03.11.  Zürich, Rote Fabrik

Update: Die dritte Vorabsingle aus dem neuen Album ist da, und feiert "The Day The Music Dies".





Let's Eat Grandma: Ganz Ohr [Update]

Auf den Moment haben wir ehrlich gesagt schon länger gewartet: Eine Band mit diesem Namen, die noch dazu lupenreinen, gut durchdachten Pop spielt, hat man schließlich nicht alle Tage. Let's Eat Grandma aus dem britischen Norwich überraschten mit ihrem Debüt "I, Gemini" im Sommer 2016 nicht eben wenige Leute, noch mehr hoffen nun, daß auch der Nachfolger von ähnlicher Qualität ist. Geht es nach den beiden bislang bekannten Vorabsingles, dann sollte daran kein Zweifel bestehen. Rosa Walton und Jenny Hollingworth werden also am 29. Juni "I'm All Ears" bei Transgressive Records veröffentlichen, nach "Hot Pink" kam gerade die neue Nummer "Falling Into Me" um die Ecke. Live werden die beiden ebenfalls bald zu hören sein - und wir? Sind ganz Ohr.

Update: Und hier nun noch die dritte Single "It's Not Just Me" - im schicken Facettenstyle!

20.04.  Köln, Schauspiel
21.04.  Berlin, Urban Spree
22.04.  Hamburg, Uebel und Gefährlich





The Brian Jonestown Massacre: Later this year

Aber das war noch lange nicht alles. Denn auch The Brian Jonestown Massacre werden bald wieder mit neuem Material auf Tour gehen. Für den 1. Juni haben Cargo- und a Records eine Platte namens "Something Else" angekündigt, von dieser wiederum wird am 18. Mai die Single "Hold That Thought" (mit der B-Seite "Drained") ausgekoppelt. Aufgenommen in Berlin, wird es auf dem Album ganze neun neue Songs geben, Ende April startet die Reise durch Nordamerika, Anfang April ist dann Australien an der Reihe. Und Europa - "later this year". Und noch schöner - es ist von zwei neuen Werken in diesem Jahr die Rede. Gab schon schlechtere Nachrichten...

Deafheaven: Rückkehr der Außenseiter

Der Tag startet schon mal gut, ach was: sehr gut. Denn die Nachricht, daß die kalifornischen Schwarzmetaller Deafheaven nach drei Jahren ein neues Album veröffentlichen werden, hatte zwar die Gerüchteküche schon vermeldet, eine offizielle Verlautbarung stand bisher aber noch aus. Diese gibt es nun - "Ordinary Corrupt Human Love" soll am 13. Juli bei ANTI- erscheinen und damit die Freude komplett ist, gibt es auch gleich den knapp zwölfminütigen Track "Honeycomb" davon zu hören.

Übrigens - hier noch einmal aus reiner Nostalgie die Hinweise auf das letzte Konzert der Band in München, die außergewöhnliche Plakatkunst der Band und natürlich die Review des Vorgängers "New Bermuda".

Dienstag, 17. April 2018

The Sea Atlas: Einsames Ringen

Klar, das mit den Hebriden, den Nordzipfel Schottlands und dem kleinen Örtchen Uig kann man sich natürlich nicht entgehen lassen - 400 Einwohner und einer davon ist jener Calum Buchanan, der Mann also, der sich hinter dem Projekt The Sea Atlas verbirgt. Seine Agentur schreibt dann vollmundig Sachen wie "... skippers boats up and down the West coast of Scotland, works the land on his croft, and during the storms on the island [Buchanan] writes his music on the cabin on the shores of the sea loch." Das klingt nun wirklich nach der perfekten Nordmann-Story, nach rauher See, kargem Land, großer Einsamkeit und endlosem Ringen mit Dämonen und Musen. Würden dabei aber keine guten Songs entstehen, wir könnten uns die ganze Einleitung sparen - so aber kündigt der Mann gerade eine neue EP an und zwar zum einen mit dem schon ziemlich beeindruckenden Grungefolk "Ripped Jeans" und einem Bee-Gees-Cover (!) von "Staying Alive". Auf solche Ideen kommt man wohl nur, wenn man sehr lange keine oder keine anderen Menschen trifft - dennoch, er macht seine Sache gar nicht so übel.