Mittwoch, 22. November 2017

Faber: Unmißverständlich

Faber
Support: Frank Powers
Muffathalle, München, 21. November 2017

Bevor wir mit der amtlichen und in diesem Falle vollumfänglich zutreffenden Lobhudelei beginnen, zunächst noch ein, zwei Sätze aus der beliebten Kategorie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“: Es wird einige (männliche) Geschlechtsgenossen geben, die die Welt seit Erscheinen des Debütalbums von Julian Pollina aka. Faber als ungerechter denn je empfinden, ein Gefühl, das mit dem gestrigen Abend eher noch drängender geworden ist. Der Junge aus Zürich hat auf diesem bekanntlich über ein Dutzend Lieder versammelt, die sich einen Dreck um politische Korrektheit und sonstige Empfindlichkeiten scheren, angefüllt mit allerlei obszönem Vokabular, das überall sonst den Empörungsbarometer sofort in den Grenzbereich katapultiert (kann man das eigentlich jugendgefährdend nennen, wenn die Jugend selbst solche Texte ausgelassen mitsingt?) – von Behutsamkeit, neuzeitlichem Frauenverstehertum, übertriebener Vorsicht nichts zu hören. Was anderen also um die Ohren gehauen wird, erntet hier begeisterten Applaus? Noch dazu sieht der Kerl nicht mal aus wie ein Posterboy und darf sich trotzdem, auch in München, verzückte Zurufe samt Kinderwunsch anhören. Konfrontiert man Frauen mit derlei verzweifelten Fragen, erntet man nicht selten ein geringschätziges Lächeln, das nichts anderes meint als: Oh Mann, du verstehst es einfach nicht. Verrückte Welt, verdammt!

Weil aber diese Welt gerade nichts weniger braucht als weinerliche Lamentos, wenden wir uns besser den erfreulichen Seiten des Abends zu. Vielleicht missverstehen manche den Jungen wegen eben jener wunderbar ungeschönten Poesie als wehleidiges, selbstgerechtes Arschloch (wahrscheinlich legt er’s gerade darauf an, sicher ist’s ihm halbwegs wurscht), auf der Bühne jedoch steht ein sympathischer, durchaus charmanter und manchmal auch ein wenig unbeholfen wirkender junger Mann mit einer beeindruckenden Präsenz und einer Stimme, zu der schon so viel gesagt ist und die einen doch immer wieder auf’s Neue umhaut. Ebenso wie seine Mitstreiter der grandiosen Goran Koç y Vocalist Orkestar Band, ein verwegner Haufen leidenschaftlicher Alleskönner, angefangen beim sprilligen Goran Koç an Klavier und Quetschkommode, dem Bassisten und Cellisten Janos Mijnssen, Max Kämmerling mit Gitarre und Darbuka (der einen umjubeltem, schwyzerdütschen Auftritt bei “Alles Gute” hat) und dem Vierschröter Tillmann Ostendarp an Schlagwerk und Posaune. Alle mit sichtbarem Spaß bei der Sache, um keinen Jux verlegen und in der Lage, die große Halle in Nullkommanix in ein schaukelndes Narrenschiff zu verwandeln.



Tatsächlich ist es so, daß gerade der nicht übermäßig komplizierte, spelunkenhafte Sound der Kapelle live das Zeug zum Aufputschmittel hat, also ohnehin schon famose Stücke wie “So soll es sein”, “Nichts”, “Wem du’s heute kannst besorgen” und “Es könnte schöner sein” noch eine Euphoriestufe höher heben kann und mit ausgelassenen Soli veredelt. Die tiefschwarze Seite (resp. Seele) Pollinas wird dabei nicht vergessen, sondern eher unterstrichen, wenn das Spießbürgertum Amok läuft, auf dem Straßenstrich die letzte Hoffnung vor die Hunde geht und jeder, der noch halbwegs bei Trost ist, sich lieber in die trügerische Heimeligkeit des Kaminfeuers verkriecht. Pollinas ganzer Körper ist dann ein einziges Vibrieren – selbst wenn er im Scherz meint, es tue ihm gut, mal zwei Stundes alles herauszuschreien, ahnt man doch, wie wichtig es ist, diesen Gefühlsstau in seinen Songs aufzulösen. Und was für eine Herausforderung es ist, das allabendlich vor tausenden Menschen zu tun. Das Traditionelle, Berechenbare ist ihm, für einen Schweizer überraschend genug, so verhasst wie die oberflächliche Beliebigkeit, “Bleib dir nicht treu!” appelliert er mit Nachdruck. Wer ihm zuhört dabei, kommt nicht umhin, ein paar Verletzungen oder leidlich verheilte Narben zu vermuten, seine Musik berührt und bringt mit etwas Glück im Innersten etwas zum Schwingen, das sich sonst nur selten hervorwagt.

Dienstag, 21. November 2017

Fever Ray: Im Hornissennest

Fever Ray
„Plunge“

(PIAS Coop)

Über die politische Meinungsäußerung von Musikern wird ja die Tage wieder reichlich diskutiert: Morrissey überrascht nicht wenige seiner Fans und schlägt sich mit dem neuen Album auf die Seite der Eurospektiker und Populisten, Nick Cave verbittet sich jedwede Verhaltensmaßregel von Seiten der Herren Eno und Waters, die ihrerseits wieder mit fast schon missionarischem Feuereifer antworten – es sind bewegte Zeiten, die zuweilen skurrile Blüten treiben. Nun ist das Rock- und Popbusiness seit jeher eher links und verortet, faierweise muß man allerdings feststellen, daß ein geordneter Gedankenaustausch auch hier kaum möglich ist, die Fronten sind hart, die Bereitschaft zu ergebnisoffener Diskussion geht gegen Null und die holzschnitthaften Einteilungen in gut und böse funktionieren weitesgehend prächtig. Soweit, so unbefriedigend – bleibt nur zu konstatieren, daß eine persönliche Meinung auch immer eine solche bleibt (auch wenn die Tragweite manchmal unterschätzt wird) und man mit einem humanistischen Weltbild noch immer am besten fährt.



Auch Karin Dreijer Andersson, Teil des Avantgarde-Popduos The Knife und seit 2009 solistisch unter dem Namen Fever Ray unterwegs, geht auf ihrer neuen, zweiten Platte überraschend offensiv zu Werke und reiht sich damit ein in die Liste der Frauen, die in diesem Jahr Pop, Politik und Feminismus maßgeblich miteinander verbunden und mitbestimmt haben: Austra, Feist, St. Vincent, Beth Ditto, Charlotte Gainsbourg, etc. Die Vermutung, die Wahl des wildgewordenen Toupetträgers zum Präsidenten Amerikas könnte diese Entwicklung maßgeblich befeuert haben, kommt dabei nicht von ungefähr. Man muß sich nur einen Track wie „This Country“ anhören, meilenweit entfernt von den geheimnisvoll verschlungenen Soundcollagen des Vorgängers, um eine Vorstellung vom Leidensdruck der schwedischen Künstlerin zu bekommen: „Free abortions and clean water, destroy nuclear, destroy boring! Lovers got love in a love fest, every time we fuck we win – this house makes it hard to fuck, this country makes it hard to fuck!“ Direkter geht es kaum. https://feverray.com/

Daten für die Europatournee 2018 hier.



Die Stücke von „Plunge“ sind voller mehr oder weniger direkter Verweise auf die Freiheit von Liebe, Lust, Begehren und Leidenschaft, auch die Videos zum Album bieten reichlich provokantes Bildmaterial zu Genderproblematik und Geschlechterrollen, zur grellen Obszönität einer Merrill Beth Nisker aka. Peaches ist’s da nur noch ein kleiner Schritt. Von der düster-melancholischen Aura des Debüts ist dabei nicht mehr viel übriggeblieben, vielmehr hat man den Eindruck, in ein ramponiertes Hornissennest geraten zu sein: Maschinengewehrloops, kreisende Helikopter, saftige Drone-Beats, das ganz große hypernervöse Hämmern bildet die Grundierung (exemplarisch „Wanna Sip“, „Falling“ „An Itch“), zusammengetragen durch eine erlesene Auswahl an Gastproduzenten wie Paula Temple, Deena Abdelwahed, Nídia, Peder Mannerfelt und Johannes Berglund. Dazu die schneidende Stimme Anderssons und als Krönung die elektrische Violine von Sara Parkman („Red Trail“). Daß am Ende die Liebe gewinnt, kann da nur ein schwacher Trost sein („The final puzzle piece, this little thing called love …“/„Mama’s Head“). Eine Platte, so aufreizend wie überwältigend – wait was worth it.

Young Fathers: Keine Sorgen [Update]

"You can't dance to it" - na, besten Dank auch! Solche Hinweise können sich nicht viele erlauben, diese Herren allerdings schon: Die Young Fathers haben sich mit einem neuen Song zurückgemeldet, ihrem ersten Lebenszeichen nach dem Beitrag auf dem Soundtrack zu "Trainspotting 2". Und "Lord", so der Name des Tracks, ist tatsächlich eher ein Choral ohne das kleinste Anzeichen von Tanzbarkeit, wer die vorangegangenen Werke der drei aus Edinburgh kennt ("Dead" und "White Men Are Black Men Too"), weiß allerdings, dass solche Elemente schon immer zu ihrem Repertoire gehörten. Kein Grund sich Sorgen zu machen also, der Rest - wann immer er auf Albumlänge erscheint - wird vermutlich wieder ganz anders daherkommen.

Update: Das beeindruckende Video stammt von Rianne White, einer Regisseurin aus Edinburgh.

09.04.  Berlin, Columbia Theater
11.04.  Zürich, Rote Fabrik

The Wombats: Schwerter zu Zitrusfrüchten [Update]

Hin und her überlegt - sollen wir noch mal oder besser doch nicht? Nun also doch: Die Liverpooler Band The Wombats hat einst Herzen tonnenweise zum Pochen und Schmelzen gebracht, von durchgetanzten Schuhen mal ganz abgesehen. Es wurde dann aber (nicht ganz zu Unrecht) stiller und stiller um die drei Herren, ihr letztes Album "Glitterbug" war zwar halbwegs erfolgreich, aber bei weitem nicht so prickelnd wie das famose Debüt. Und dennoch - am 9. Februar steht die Veröffentlichung ihrer bislang vierten Platte "Beautiful People Will Ruin Your Life" an und die erste Single "Lemon To A Knife Fight" läßt durchaus alte Qualitäten erkennen.

Update - Tourdaten:
06.04.  Münster, Jovel Music Hall
07.04.  Köln, E-Werk
10.04.  München, Theaterfabrik
11.04.  Zürich, Plaza Club
12.04.  Wien, Arena
15.04.  Berlin, Astra Kulturhaus
16.04.  Hamburg, Docks

Montag, 20. November 2017

Joan As Police Woman: Frau mit Seele

So richtig zu erklären ist das nicht, warum gerade diese Frau mit ihrer Musik nicht weitaus populärer ist: Joan Wasser, besser bekannt unter ihrem Moniker Joan As Police Woman, hat schon eine ganze Reihe wunderbarer Alben abgeliefert und man kann mit Fug und Recht behaupten, sie hat den Soul. Bekommt nur keiner mit - obwohl "keiner" natürlich eine böse Untertreibung ist, die nur zeigen soll, um wieviel erfolgreicher schlechte Musik heutzutage gehandelt wird als solch gute. Aber vielleicht ist das ja auch für etwas gut. Gerade jedenfalls hat sie den offiziellen Studionachfolger für ihre Platte "The Classic" aus dem Jahr 2014 angekündigt, "Damned Devotion" soll am 9. Februar bei Play It Again Sam erscheinen und natürlich ist die erste Single "Warning Bell" nichts weniger als grandios.

30.03.  Graz, PPC
31.03.  Wien, Ottakringer Brauerei
04.04.  Zürich, Kaufleuten
05.04.  Fribourg, Fri-Son
09.04.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
10.04.  Hamburg, Knust

Sonntag, 19. November 2017

No Vacation: Gute Entscheidung

No Vacation
"Intermission"
(Topshelf Records)

Es ist ein großer Fehler, die kleinen Dinge zu gering zu schätzen. Denn manche schaffen es, mit wenigen Mitteln mehr Nachhall zu erzeugen als mit dem lauten Bam! Zum Beispiel No Vacation. Die Band, 2015 in San Francisco gestartet und bislang durch zwei Mixtapes bekannt, hat gerade mit ihrer neuen EP für gehöriges Aufhorchen gesorgt, obwohl nur ganze viereinhalb Stücke darauf enthalten sind. Die allerdings, da sind sich die Kritiker einig, haben die fünf derartig entspannt hinbekommen, daß man sich schon mal wundern darf. Das liegt natürlich zu einem nicht unerheblichen Teil neben den traumhaften Melodien an Sängerin Sabrina Mais weicher, manchmal aufreizend lässiger Stimme, die den Stücken die nötige Leichtigkeit verleiht, das Gitarrenspiel perlt zudem so perfekt, daß man gar nicht anders kann als sich verzaubern zu lassen. Selbst das kurze Instrumentalstück im Mittelteil der 12" passt ins Gesamtbild - ein reinigender Gewitterregen öffnet den Horizont für die zweite Hälfte, an deren Ende die Single "Mind Fields" den Höhepunkt setzt: Dem bitteren Trennungsschmerz keine Genugtuung zu geben und stattdessen die guten Augenblicke zu bewahren - die Art, wie Mai hier eine gescheiterte Beziehung besingt, zeugt schon von bewundernswerter Größe. Es hätte, so liest man, nicht viel gefehlt, und No Vacation wären nach einer längeren Pause gar nicht mehr ins Studio zurückgekehrt, heute wissen wir, was uns damit entgangen wäre. Welcome back also...



Boy Azooga vs. Pello: Unforgettable

Seltener Fall von Faust auf's Auge: Gerade hat das Billboard Magazine die Collagen des Londoner Künstlers Pello geteilt, der Adeles Coverporträts gekonnt auf ikonografische Plattenhüllen früheren Datums verklebt (hier die Arctic Monkeys und "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not"), da kommt mit "Face Behind Her Cigarette" gleich der passende Soundtrack daher. Der Song stammt vom Quartett Boy Azooga aus Cardiff und swingt sich sofort ins Hörerohr. Das Stück ist laut Sänger Davey Newington als Hommage an den kürzlich verstorbenen, nigerianischen Musiker William Onyeabor zu verstehen, das Video stammt von Toby Cameron.

Samstag, 18. November 2017

Leyya: Alle gleich

Der Vermerk auf das neue Album war ja schon raus, jetzt gibt es Nachschub dazu: Leyya aus Wien bereichern das alpenländische Soundspektrum zwischen Einhorn, Wanda, Bilderbuch und Voodoo Jürgens bekanntlich um eine sehr entspannte Komponente und weil Entspannung auch viel mit Körperlichkeit zu tun hat, heißt ihre neue Platte eben "Sauna". Und meint den Ort, der "mit der Nackheit aller eine ultimative Gleichheit schafft" - so jedenfalls Marco Kleebauer und Sophie Lindinger. Zu den ersten beiden Singles "Zoo" und "Oh Wow" gesellt sich nun mit "Drumsolo" eine weitere hinzu, im nächsten Frühjahr ziehen die beiden dann auch noch mal durch die Saunaclubs dieses Landes (hüstel, hüstel).

30.01.  Linz, Posthof
01.02.  Dresden, Groove Station#
02.02.  München, Milla
03.02.  Darmstadt, Staatstheater
20.02.  Dortmund, FZW
22.02.  Hamburg, Häkken
23.02.  Berlin, Lido
24.02.  Nürnberg, Club Stereo
25.02.  Leipzig, Täubchenthal

Karl die Große: Endlich Abrüstung [Update]

Karl die Große
„Dass ihr Superhelden immer übertreibt“

(Golden Ticket)

Über den richtigen Umgang mit Worten ist ja in letzter Zeit viel geredet und geschrieben worden. Was aber meint überhaupt: Richtig? Sind es die toitschen Sprachbewahrer, die Dialektschützer und cordbehosten, rüschenblusigen Zeigefingerpädagogen, die hinter jedem vergessenen Komma gleich den Untergang des Abendlandes vermuten? Oder doch diejenigen, die den grob gehäckselten und schwer verständlichen Vorstadtsprech junger Menschen zur Kunstform erhoben haben? Die dann von steinalten Verlegern zwischen zwei Buchdeckel gepresst wird und hernach für die Wahl zum „Jugendwort des Jahres“ herhalten muss, von trendgierigen Adabeis kläglich gestammelt, von Pubertierenden mitleidig belacht? Es gibt Menschen, die meinen, die wahre Sprachgewalt würde sich in einer Länge von einhundertvierzig Zeichen bemessen, unglücklicherweise hat ein anderer, nicht ganz unwichtiger Mensch beschlossen, seine staatstragende Tätigkeit mitsamt seinem nicht eben besonders weiten Horizont in jenen begrenzten Raum zu pressen und haufenweise Hass und Häme über alles und jeden auszukübeln. Und nicht zuletzt behaupten wieder andere, daß klare, direkte und unbequeme Worte das einzig richtige wären, und meinen doch nur verletzende, anmaßende und verleumderische Tiraden, hinter denen man sich dann mittels eines Avatars bequem verstecken kann. Schwierige Sache das.

Wenn das Wort also vielen als scharfe Waffe gilt, wünscht man sich dann nicht ab und an das Ungenaue, Indifferente, Rätselhafte und auch das Sanfte her? Und landet dann bei jenen, denen Sorgfalt und Achtsamkeit mit dem Text qua Berufswahl eigen sind – den Lyrikern. Und später vielleicht auch bei Karl die Große. Nicht von ungefähr nämlich hat die Leipziger Formation ganz an den Anfang ihres Debütalbums eine Textzeile von Eva Strittmatter gestellt, „Lied aus Stille“ entstammt dem Gedicht „Vor einem Winter“ aus dem Jahr 1972 (das im Original eine etwas andere Richtung einschlägt) – hier stimmt es mit warmen Tönen und tröstenden Worten auf ein Werk ein, das dem New Soul huldigt, den Jazz kennt und mag und, wenn auch selten, vor rockigen Momenten zumindest keine Angst hat. Die fein gewobenen Sprachbilder von Sängerin Wencke Wollny lassen viel Platz für Assoziationen, man soll mehr ahnen denn wissen und sich nicht allzu sicher sein, Irritationen sind gewünscht.



So kontrastieren zum Beispiel die zaghaft wippenden Takte aus „Die Stadt“ mit einem düsteren Szenario, die Menschen blau, die Straßen blutrot, Grabesstille. Später das „Hamsterrad“ des tagtäglichen, nutzlosen Mühens, die Befangenheit, gleich danach der „Sisyphos“ nach Camus im klagenden, drängenden Tonfall, das stille „Kämmerlein“, wo wir unsere Wünsche und Sehnsüchte bewachen. Besonders gelungen: „Cowboy und Indianer“ mit einem Gastauftritt von Moritz Krämer und feinem Orgelswing, beim traurig melancholischen Titelstück im Anschluss kramt manche/r vielleicht eine Filmszene aus der Erinnerung – Kirsten Dunst, tapfer lächelnd, schickt ihren Spiderman los, die Welt zu retten, und weiß doch, dass sie ihn, den Superhelden, bereits wieder verloren hat: „Go get them, tiger!“ Es sind die leisen, weichen, auch schwelgerischen Arrangements, die der Band besonders eindrucksvoll gelingen, Stücke wie „Vergiss mein nicht“, ein Lied vom Scheitern, Hoffen, Unverzagen. Eine Aufforderung, die zu befolgen man gern bereit ist. https://www.karldiegrosse.de/

13.10.  Plauen, Malzhaus
21.10.  Aachen, Raststätte
28.10.  Magdeburg, Moritzhof
29.10.  Hamburg, Kukuun
01.12.  Oranienburg, Oranienwerk
02.12.  Leipzig, Neues Schauspiel
13.12.  Landau, Grauflächenkultivierug
15.12.  Augsburg, Kresslemühle
16.12.  Lindau, Kleines Zeughaus
17.12.  Ulm, Sauschdall
26.01.  Berlin, Privatkonzert
27.01.  Dresden, Altes Wettbüro
03.03.  Darmstadt, Schlosskeller

Update: Schönes Album, schöner Song - aktuell nachgeliefert das Video zum Song "Cowboy und Indianer" feat. Moritz Krämer.

Manic Street Preachers: Widerstand zwecklos

Gerade haben wir - siehe unten - gelernt, daß politischer Pop nicht zwingend guter Pop ist. Nun gut, man sollte sich davon nicht entmutigen lassen, gebraucht wird er in Zeiten wie diesen natürlich trotzdem und um so mehr. Von den Manic Street Preachers darf man ihn erwarten, sie haben mit ihrer Meinung selten hinterm Berg gehalten, auch wenn es manches Mal vielleicht etwas arg klassenkämpferisch daherkam. Nun kündigen die Waliser jedenfalls für den 6. April 2018 ihr neues, dreizehntes Album an und weil das "Resistance Is Futile" (Widerstand ist zwecklos) heißt, darf man schon mal kräftig in die eine oder andere Richtung deuten. Optisch ist es schon mal ein Hingucker und wenn sich die Ankündigung, das neue Werk würde sich stilistisch zwischen "Everything Must Go" und "Generation Terrorists" bewegen, nur zur Hälfte bewahrheiten, wäre alles in bester Ordnung - die letzten Veröffentlichungen waren ja nicht so das Gelbe.

Freitag, 17. November 2017

Morrissey: Überholt

Morrissey
„Low In High School“

(BMG)

Was ist denn da bloß passiert? Wie konnte es soweit kommen? Und wo fangen wir an? Eigentlich sollte man ja froh sein, daß überhaupt eine weitere Platte des alten Mozzers erschienen ist, denn klar war ja nicht einmal das. Ärger mit dem Label, Trouble auf der Tour, gesundheitliche Probleme, viel hätte nicht gefehlt und das bislang elfte Album von Steven Patrick Morrissey wäre auf lange Sicht ein unbekanntes geblieben. Nun gibt es allerdings nicht wenige, die sich in Kenntnis des neuen Werkes fragen: Wäre das so schlimm gewesen? Statt den Künstler nach eingehender Materialprüfung vorsichtig darauf hinzuweisen, daß er sich mit der Veröffentlichung keinen großen Gefallen tut, prahlt BMG als neuer Vertragspartner lieber von den enormen Fähigkeiten des Mannes und behauptet glatt, das größte Verdienst Morrisseys bestände aktuell darin, daß er den Zeitgeist einer sich ständig verändernden Welt erfasse. Wie bitte!? Den Zeitgeist? Vom ehemals scharfzüngigsten, wortgewaltigsten Verweigerungspoeten im Staate Cool Britannia zum – echt jetzt? – Zeitgeist-Seismographen? Wäre das so, wir müßten Trauer tragen.



Leider aber kommt es in Summe noch viel schlimmer. Man muß sich ja nicht gleich die niederschmetternde Kritik des NME zu eigen machen, der behauptet, es gäbe auf dem Album nur schwülstige Liebes- und kindische Antikriegslieder – Morrissey und die Musikzeitschrift sind seit Jahrzehnten in fast schon legendärer Abneigung verbunden. Aber auch ohne die Hasskappe läßt sich recht schnell erkennen, wie dünn und inspirationsarm die Platte geraten ist und wie sehr sich der einst so hoch gelobte Meister der feinen Klinge diesmal vergaloppiert hat. Beginnen wir der Einfachheit halber beim Cover: Axe the Monarchy. Ach Gottchen! Was vor Zeiten noch provokant und böse war, klingt heute seltsam altbacken und mau. Die Briten haben gerade weiß Gott andere Sorgen als ein folkloristisch anmutendes Königshaus und seine herzigen Hauptdarsteller, mit derartigen Parolen läßt sich die gravierende soziale Schieflage und gesellschaftliche Erosion der einst so stolzen Nation wohl kaum nachhaltig bekämpfen.

Weiter zum Sound. Irgendwer hat Morrissey wohl gesteckt, daß fett spotzende Synthesizer, pathetische Choräle und dramatische Bläsersätze noch immer ganz schwer im Trend liegen, entsprechend großzügig ist er dann zusammen mit Produzent Joe Chiccarelli (der auch schon den mäßigen Vorgänger zu verantworten hatte), damit zu Werke gegangen. Grundsätzlich ist ja gegen Klangvielfalt und mutige Stilkombis absolut nichts einzuwenden, kommen sie aber so beliebig wie hier daher, werden sie vom Segen zur Plage. Kaum etwas, das sich auf Dauer im Ohr festhakt, selbstmitleidig trübes Balladieren wechselt mit breitbeinig rockenden, maßlos aufgepimpten Krawallstücken samt Laibach-Fanfaren, einzig ein paar ChaCha-Rhythmen und leichtfüßige Schwünge lassen sich als Ausnahme von der Regel heraushören. Der Rest schwankt zwischen stampfender Ideenlosigkeit und allzu lieblicher Schmachterei.



So krude der Sound, so krude leider auch die Lyrik. An die eigene Empfehlung „World Peace Is None Of Your Business“ hat sich Morrissey diesmal leider nicht gehalten, mehr noch, seine seltsam fatalistischen, ja populistischen Wortmeldungen sind ziemlich schwer zu ertragen. An die ermüdende Klage über fehlendes Heimatgefühl („Home Is A Question Mark“) hat man sich ja mittlerweile gewöhnt, doch was soll man von Zeilen wie den folgenden halten: „Hört auf, die Nachrichten zu sehen. Weil die Nachrichten euch Angst einjagen wollen, ihr euch klein und allein fühlt und das Gefühl bekommt, eure Gedanken wären nicht eure eigenen“ („Spend The Day In Bed“)? Über eine Jugend, die der politischen Meinungsbildung lebewohl sagt, muß sich jedenfalls nicht wundern, wer munter Zeilen trällert wie „All the young people they must fall in love, presidents come, presidents go and oh look at the damage they do.“

Natürlich ist es aller Ehren wert, sich mit dem Thema Holocaust auseinanderzusetzen, er tut das bei „The Girl From Tel-Aviv Who Wouldn‘t Kneel“ mit Bezug auf die Tagebücher der holländisch-jüdischen Lehrerin Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz umgebracht wurde. Der positive Eindruck relativiert sich allerdings durch die unkritische Art, mit der er später dem Staate Israel den Neid der anderen ins selbstgerechte Poesiealbum schreibt („Israel“), so daß der Jewisch Cronicle schon stolz schwärmt, es handle sich hier um eine „pro-zionistische Ballade“? Man weiß nicht so recht, was ihn antreibt. Was so toll und unterhaltsam am Brexit ist („Jackys Only Happy When She’s Up On The Stage“) und warum jemand wie er platt und platter textet. Fast ist man geneigt, dem NME am Ende doch noch beizupflichten, Morrissey hätte den Kopf besser im Schoß belassen („In Your Lap“/“When You Open Your Legs“), als ihn zum Denken zu nutzen. Und ja, vor diesem Hintergrund mischt sich, wie die SZ gerade schreibt, auch unter liebgewonnene Gassenhauer wie „Irish Blood, English Heart“ manch schiefer Ton. Zurück bleibt leider das Bild des trotzigem Grantlers, der dem Zeitgeist huldigt, indem er sich selbst rechts überholt. Schade drum.

Donnerstag, 16. November 2017

Smerz: Ganz vorn dabei [Update]

Ganz vorn dran ist man ja nie, aber wenn das Webportal Gorilla vs. Bear eine Band auf den Radar hievt, dann kann man sicher sein, daß der Hypefaktor ziemlich hoch ist. Smerz, das sind Catharina Stoltenberg und Henriette Motzfeldt aus Kopenhagen, haben nämlich gerade bei XL-Recordings (nicht von ungefähr home of Radiohead, Arca und The XX) ihre neue Single "Oh My My", ein maximal ausgebremstes Stück LoFi-Elektronik samt Schlafzimmer-Raps und Elfengesang, veröffentlicht, das Video dazu stammt von Michaella Bredahl. Daß es durchaus auch flotter geht, haben sie im vergangenen Jahr mit ihrer EP "Okey" und Tracks wie "Because" und "Blessed" bewiesen. Obwohl, beweisen müssen die beiden Gören schon mal gar nichts, denn cool sind sie sowieso. Hier gleich mal alle Sachen im Komplettdurchlauf.

Update: Für alle, die etwas länger brauchen, gibt es hier noch einen aktuellen Nachklapp - frisch gepreßt die neue Single "Half Life" plus einen weiteren Auftrittstermin - jetzt auch mit Video.

12.08.  Lehrte, Fuchsbau Festival
23.08.  Berlin, Kulturbrauerei
25.11.  Leipzig, Audio Invasion 2017







Hater: Unverändert [Update]

Gar nicht so lange her, da haben wir die schwedischen Hater für ihr feines Album "You Tried" gelobt, daß sie beim Label PNKSLM veröffentlicht hatten. Offenbar stand der Band um die bezaubernde Caroline Landahl der Sinn nach Veränderung, denn gerade haben die vier eine neue EP mit Namen "Red Blinders", diese soll am 1. Dezember mit vier neuen Stücken bei Fire Records erscheinen. Und um zu beweisen, daß sie an Qualität nichts verloren haben, schicken sie mit "Blushing" die erste Kostprobe davon in die Runde.

Update: Zum Innehalten, hier die zweite Single der neuen EP - "Rest".

Mittwoch, 15. November 2017

Hotel Lux: Zum Henker damit

Die Gleichzeitigkeit ist schon frappierend: Fünf Jungs, Süd-London, absolute beginners - hatten wir doch gerade?! Stimmt. Nach Shame nun also gleich noch ein paar Durchstarter. Diesmal Hotel Lux (genau, wie der Bully-Herbig-Streifen), nicht ganz so punky, aber wenigstens genauso dreckig und vielleicht eine Idee unvorhersehbarer. Sänger Lewis Duffin klingt ein wenig wie der junge Cave, optisch geht die Gleichung dann aber nicht ganz auf. Egal, nach der Debütsingle "Envoi" gibt es heute das ziemlich skurrile "The Last Hangman" und da haben wir dann ganz sicher ein Cave-Thema, schließlich erzählt der Song die Geschichte von Albert Pierrepoint, einem der berühmtesten Henker, der Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als 400 Menschen die Schlinge um den Hals gelegt hat. Sinn für's Abseitige haben sie also schon mal.



Shame: Aber klar doch

Klar, auch wir hängen uns schamlos an jeden Hype dran und hoffen, daß wir ein paar billige Klicks, Likes, Follower mehr bekommen - wer sind wir denn? Wenn der NME schon hysterisch schreit und das komplette britische Empire wieder mal am durchdrehen ist, weil ein paar halbstarke Milchbärte die Worte London, Punk und Style auf das Vorzüglichste verbinden, da wollen wir doch dabei sein. Die Rede ist natürlich von Eddie Green, Charlie Forbes, Josh Finerty, Sean Coyle-Smith und Charlie Steen, die unter dem griffigen Namen Shame gerade unter den Angesagten die Angesagtesten sind, und so richtig wird der Rummel hierzulande Anfang Dezember losgehen, dann nämlich kommen die Kerle gemeinsam mit Gurr auf Tour durch die Gemeinden, im Gepäck so hübsche Knaller wie "Concrete", "Tasteless" und das aktuelle Stück "One Rizla" mit knuffigem Bauerhof-Filmchen. Wie eine Rakete - garantiert. Ach ja, am 12. Januar kommt dann auch via Dead Oceans das Debüt hinterher, "Songs Of Praise", klar doch.

03.12.  Frankfurt, Zoom
04.12.  Halle O2
06.12.  Köln, Gebäude 9
07.12.  Münster, Gleis 22
08.12.  Essen, Hotel Shanghai
09.12.  Dresden, Groove Station
11.12.  Hannover, Bei Chez Heinz
12.12.  Bremen, Lagerhaus
13.12.  Hamburg, Knust
14.12.  Braunschweig, Eule
15.12.  Rostock, Helgas Stadtpalast
16.12.  Berlin, Festsaal Kreuzberg





Moderate Rebels: Mehrwert

Viel zu schön, um in der täglichen Flut an Möchtegernhits unterzugehen: Die Londoner Band Moderate Rebels, erst kürzlich mit ihrer EP "Proxy" postiv aufgefallen, haben für den 8. Dezember via Everyday Life Recordings ihr Debütalbum "The Sound Of Security" angekündigt - ein Schelm, wer das mit S.O.S. abkürzt. Richtig ist vielmehr, daß die vier ein ganz feinen Sound pflegen, der auch - wie in der aktuellen Single "When The Cost Has No Value" - erstaunlich lässig und regelrecht beschwingt daherkommen kann. Definitiv ein weiterer Lichtblick im an Höhepunkten gewiß nicht armen Jahr 2017.

Björk: Gesamtkunstwerk [Update]

Kannste sagen, was de willst, eine neue Single von Björk ist immer einen Post wert. Wie lange der in der jetzigen Form bestehen bleibt, ist allerdings höchst fraglich, denn bislang gibt es ihre Single "The Gate" offiziell nur über Apfelmusik und Spotify, soll heißen, der Youtube-Link hier unten ist mehr als eine wackelige Angelegenheit. Sei's drum. An der kompletten Platte, die im Übrigen den naheliegenden Titel "Utopia" tragen wird, war laut Pitchfork zum wiederholten Male Arca beteiligt, zur vorliegenden Single soll es auch bald ein Video von Regisseur Andrew Thomas Huang geben, dort zu sehen natürlich auch das viel besprochene Gucci-Kleid von Alessandro Michele und die veredelte Steckfrise von Hairdresser, Verzeihung: -künstler James Merry. Gehört, wie wir wissen, alles mit zum Gesamtkunstwerk (Update: s.u.). Das Albumcover fügt sich im Übrigen nahtlos in die Reihe so seltsamer wie reizvoller Portraits ein - hier ein älteres Familienalbum dazu.

Update: Mit "Blissing Me" ist hier nun ein zweiter Song vom neuen Album unterwegs und hat sogar, wenn auch sehr vorsichtig, ein paar verschämte Beats zu bieten.



Dienstag, 14. November 2017

Men I Trust: Nicht zu überhören

Das sollte natürlich nicht passieren. Dass eine der talentiertesten Bands Kanadas, also Men I Trust aus Quebec, eine Reihe neuer Songs veröffentlichen und hier steht kein Wort darüber geschrieben. Wird natürlich nachgeholt. Da hätten wir zum einen das wunderbar luftig wippende "Tailwhip" (von dem Gorilla vs. Bear behauptet, es sei der Song des Jahres) und nun gerade noch "I Hope To Be Around" mit einem Video, das fast schon sedierend wirkt, so schön ist es geworden. Zusammen mit dem letztens vorgestellten "You Deserve This" gibt das einen leise berauschenden Dreiklang.



Screaming Females: Doch noch mehr [Update]

Nun kommt also doch noch mehr: Als wir vor einiger Zeit mit "Black Moon" einen neuen Song von Marissa Paternoster und den Screaming Females gepostet haben, war von einem weiteren Album noch nicht die Rede - nun soll am 23. Februar via Don Giovanni Records doch eines kommen. "All At Once" ist sein Name, die erste hochoffizielle Single nennt sich "Glass House" und kommt hier mit einem Clip von Kate Sweeney. Und an der Gitarre gastiert laut Stereogum der frühere Fugazi-Mann Brendan Canty. Ist doch mal was.

Update: Und hier ist dann der dritte Song vom neuen Album - "Deeply".



LCD Soundsystem: Für Anlieger

Und noch einmal eine schöne Nachricht, diesmal allerdings nur für Berlin, Anrainer und Reisewillige: LCD Soundsystem, kürzlich unter großem Ballyhoo ins Rampenlicht zurückgekehrt und zwar mit einem Album, daß keine noch so große Hoffnung enttäuschte, kommen im Sommer nächsten Jahres für ein Konzert in die Hauptstadt. Das ist nicht viel (vor allem wenn man sich die zehn !!! aufeinanderfolgenden Termine in Brooklyn anschaut), aber eben auch besser als nichts.

30.05.  Berlin, Tempodrom