Dienstag, 25. April 2017

Fazerdaze: Nur für den Moment

Fazerdaze
„Morningside“

(Groenland Records)

Es funktioniert tatsächlich. Wer also Lust auf ein kleines und harmloses Experiment in Sachen Autosuggestion hat, muß sich nur, sofern er oder sie solche Aufnahmen nicht vorm inneren Auge abrufen kann, durch ein paar Landschaftsaufnahmen aus Neuseeland googeln und hernach so oft wie möglich das aktuelle Album von Amelia Murray alias Fazerdaze hören. Die Tageszeit spielt dabei keine entscheidende Rolle – auch wenn der Titel des Albums Bezug zur aufgehenden Sonne nimmt, paßt die Platte ebenso gut zum Fade-Out am Ende des Tages. Die Kombination aus Klang und Kopfkino jedenfalls sollte alsbald zu einem Wohlgefühl und einer Leichtigkeit führen, wie man sie sonst nur nach einem mehrtätigem Wellnessurlaub zu spüren vermag. Oder eben bei einer Reise durch Neuseeland.

Wem Ähnliches schon mit der Musik der Sneaky Feelings, The Chills oder The Verlaines passiert ist, liegt nicht ganz falsch, gehören diese Bands doch, auch wenn ihre Glanzzeiten noch im vergangenen Jahrtausend verortet sind, unter den Sammelbegriff des Dunedin-Sounds, mithin also zu einem landestypischen Phänomen und Subgenre. Murray stammt zwar aus Auckland, hat aber Zeit ihres noch jungen Lebens die Liebe zum Dreampop und Shoegazing derart verinnerlicht, daß kein größerer Zeitsprung herauszuhören ist. Waren die Stücke ihrer selbstbetitelten Debüt-EP aus dem Jahr 2014 noch etwas weniger geschmeidig, unrund vielleicht, so kann man sich dem Charme und Zauber der neuen Stücke kaum entziehen – wie Murray im Video der ersten Single “Little Uneasy” auf einem Skateboard überaus lässig durch die Vorstadt rollt, später die Lust am Augenblick besingt, die jeden Gedanken, jeden Atemzug anhalten möchte – das hat schon eine bewundernswerte Qualität. Ab und an, wie bei “Friends” oder “Half Figured”, blitzt auch mal die Lust am ungezügelten Gitarrenkrach bei ihr durch, richtig nachgeben will sie dieser aber vorerst nicht.



Und weil Fazerdaze bald auch nach Deutschland kommen, schnell noch ein paar Fragen an Amelia Murray:

Backpacker-Träume, Herr der Ringe, Whalerider, Rugby, das sind so die Sachen, die Westeuropäer, auch wir Deutsche, von Deiner Heimat Neuseeland gemeinhin kennen und interessieren. Kannst Du uns denn etwas zur Musikszene sagen, in der Du Dich bewegst?

Ha, Du hast Lorde und Flight Of The Conchords vergessen! Ich bin in der Szene rund um Auckland aufgewachsen, die größtenteils aus vielen einzelnen Soloprojekten besteht. Gemeinsam teilen und mieten wir uns dort Proberäume, und auch wenn jede/r seine/n eigenen Stil, seine eigenen Ziele hat, findet ein großer Austausch statt, spielen die Leute gleichzeitig in verschiedenen Bands, tauschen Songs, etc. Ich für meinen Teil wäre ohne die Hilfe der Künstler um mich herum, speziell Merk, Gareth Thomas, Tom Lark und Madeira wirklich aufgeschmissen.

Wie bist Du eigentlich zum Shoegazing gekommen?

Eine bewusste Entscheidung war das nicht, ich denke, ich habe mir eher die Musik gesucht, die zu meiner Stimme am besten passt. Mein Gesang ist ja eher ein leiser und verträumter und ich liebe es, ihn über die anderen Soundspuren zu legen.

Gibt es für Deinen Stil besondere Vorbilder, die Dir einfallen?

Als ich ein Teenager war, hat mir mein Bruder Mazzy Star vorgespielt und ich kann mich noch genau daran erinnern, daß ich Hope Sandovals Stimme schon damals einfach umwerfend fand. Ich denke, das hat meine Musik sehr beeinflusst, ich wollte immer, daß sie genauso entspannt und schön klingt wie dort.



Man hört Stücke wie „Half Figured“ oder „Friends“ – kann es sein, daß dahinter ein Mädchen steckt, das einfach nur laute Gitarren liebt?

Haha, stimmt – ich liebe diesen Lärm! Seit ich denken kann, habe ich Noise gemocht, irgendwie haben den aber immer die Männer gespielt. Ich denke, ein Teil von mir möchte zeigen, dass auch Frauen Spaß an an diesem Krach haben, daß auch Frauen diese Instrumente so spielen können.

Gitarre, Skateboard – vielleicht nicht gerade die üblichen Hobbies für ein Mädchen Deines Alters. Hattest Du denn früher Schwierigkeiten, Deinen Kopf durchzusetzen?

Eigentlich habe ich schon immer das gemacht, was ich wollte und glücklicherweise gab es gerade in der Musikszene genügend Freunde, die das gut fanden und mich unterstützten. Ich denke, es gibt mehr und mehr Frauen, die ihre eigene Musik produzieren, die noch dazu großartig klingt. Beim Skateboard liegen die Dinge ein wenig anders, in dieser Welt bin ich nicht so richtig drin. Aber ich verfolge beispielsweise mit Interesse die New Yorker All-Girl-Gruppe The Skate Kitchen, was die machen ist einfach unglaublich und ich kann nur jedem empfehlen, sich das mal anzuschauen.

Magst Du es, persönliche Erfahrungen Deines Lebens wie bei den Songs „Jennifer“ oder „Lucky Girl“ in den Texten zu verarbeiten?

Natürlich, die meisten meiner Songs sind wirklich sehr persönlich, fast schon wie eine Art Tagebuch. „Jennifer“ beschreibt das Ende einer Freundschaft aus Teenager-Tagen, „Lucky Girl“ wiederum handelt davon, wie undankbar wir sein können, auch wenn uns etwas Schönes geschenkt wurde.

Gibt es denn auch andere Dinge, über die Du gern schreiben würdest?

Noch lerne ich viel dazu, aber möglicherweise kommt mit der Zeit auch die Übung und dann werde ich auch über andere Dinge singen als über meine eigenen Gefühle …

Welchen Bezug hast Du zu Europa und wann werden wir Dich dort sehen und hören?

Oh, ich habe gerade einen Plattenvertrag bei dem Berliner Label Groenland Records unterzeichnet und es wird nicht mehr lang dauern, dann gehe ich auf eine längere Tour durch Deutschland, England, Schottland, Frankreich, Belgien und die Niederlande. Und ich freue mich wirklich auf diese tolle Erfahrung!

19.05.  Hamburg, Molotow
20.05.  Köln, Gebäude 9
27.05.  Neustrelitz, Immergut Festival

HOAR: Sehr ernste Sache

Junge Männer, die sich vornehmlich schwarz kleiden und sehr ernst dreinschauen, die gibt es auch in Belgien: Diese vier heißen Jeroen, Álvaro, Jelle und Tim und gehören zur Brüssler Band HOAR. Von dieser wiederum ist gerade eine erste Single mit dem Titel "Venice Of The North" erschienen und die klingt eben so wie die Herren aussehen - dunkel, interessant, geheimnisvoll. Viel mehr gibt es ehrlicherweise noch nicht zu berichten - aber wie so oft bei solchen Neuvorstellungen, das könnte sich bald ändern.

Montag, 24. April 2017

Goldfrapp: Premiere

Das Album hallt ja noch kräftig nach, da kommt die Single gerade recht: Vor Wochen ist "Silver Eye" von Goldfrapp, flankiert von Lobeshymnen, erschienen, nun schicken die beiden ein Video zum Song "Systemagic" hinterher. Die Tanzchoreografie des Clips ist Alison Goldfrapps erste richtige Regiearbeit, nachdem sie ja schon am Artwork der Platte kräftig mitgeschraubt hatte: “I wanted the focus to be on the dancers, their bodies and their movement. It’s my first outing into directing. And wow, what an experience! I hope I’ll do more. Its a world I’d like to explore and learn much much more in!”

Sonntag, 23. April 2017

London Grammar: Nichts als die Wahrheit [Update]

Wir wußten daß, aber nicht was und wann: London Grammar haben jetzt ein paar Daten zu ihrem neuen Album folgen lassen. Nachdem die Singles "Rooting For You" und "Big Picture" quasi als Vorhut vorausgeschickt worden waren, gibt es nun den Titeltrack der neuen Platte "Truth Is A Beautiful Thing", die für den 9. Juni angekündigt ist.

Update: Und das wäre dann der vierte Song vom neuen Album, "Oh Woman Oh Man" im Stream.



Das Mörtal: Lieber kälter

Dass der Kanadier Cristobal Cortes eine Affinität zum elektronisch unterkühlten Sound der 80er und 90er hat, läßt sich kaum verleugnen, unter dem Namen Das Mörtal ist der Junge zudem bestens in der Berliner Techno-Szene vernetzt und hat schon einige verheißungsvolle Singles und EP veröffentlicht. Am 9. Juni nun soll via Lisbon Lux Records sein neues Album "Always Loved" erscheinen, das zehn weitere Synthwave-Tracks enthält. Einen davon gibt es mit "Midnight Rendez-Vous feat. French Fox" schon hier zu hören, als Zugabe kommt noch "Risking My Life feat. Ghost Twin" obendrauf.

Samstag, 22. April 2017

The War On Drugs: Das Wesentliche

Vielleicht ist es ganz gut, daß Adam Granduciel und The War On Drugs ein neues Album voranbringen, dann gerät endlich der etwas alberne Schlagabtausch mit Sun Kill Moon's Mark Kozelek in Vergessenheit. 2014 ist ihr letztes Werk "Lost In The Dream" erschienen, nun ist ein erster Song namens "Thinking Of A Place" mit der stolzen Länge von über elf Minuten (Lambchop lassen grüßen) draußen. Und der macht Lust auf mehr.

Freitag, 21. April 2017

Hendrik Otremba: Im Zwischenraum

Foto: Dirk Elsing
Hendrik Otremba
„Über uns der Schaum“

(Verbrecher Verlag)

Es ist wohl der größtmögliche Gegensatz, den er sich da – bewusst oder unbewusst – ausgesucht hat: Hendrik Otremba, Sänger der Münsteraner Post-Punk-Band Messer, hat ein Buch geschrieben, ein dunkler, atemloser, auch bedrohlicher Text. Und während der Plot dieses Detektiv-Romans meistenteils durch die kalten und unwirtlichen Gassen des Molochs Großstadt hetzt, zieht sich der Autor zum Atemholen vom Presserummel übers Osterwochenende in ein kleines Dörfchen an der Ostsee zurück. Kein Internet, gerade mal einen Telefonanschluß, ein paar Schafe, die Einwohnerzahl mehr als überschaubar. Ein Glück also, daß man ihn erreicht, wo doch der Terminplan zwischen Konzertreise und Leseabenden immer enger gestrickt wird. Doch bei Otremba wie gewohnt kein Anzeichen von Hast oder Unlust, bereitwillig und charmant gibt er Auskunft. Über die Verbindungspunkte zwischen Buch und Band, den Reiz der Charaktere, über den unbedingten Willen zu Abgrenzung und künstlerischem Anspruch.

Das ist ja nun kein schmales Novellenbändchen geworden, sondern ein ausgewachsener Roman mit fast dreihundert Seiten – hattest Du vorher Respekt vor so einem Unterfangen?

Nein, Respekt hatte ich da überhaupt keinen, weil ich ohnehin Schwierigkeiten damit habe, mich kurzzufassen. Obwohl natürlich lyrische Texte ganz anders funktionieren und ich da oft bewusst eine Verknappung vornehme. Wenn ich vorher an essayistischen oder journalistischen Sachen gearbeitet habe, dann waren die immer eher zu lang geraten, insofern gab es keine Sorge, nicht das zu schaffen, was ich mir vorgenommen hatte. Es gab auch keine so genaue Vorstellung, wie genau ich vorwärtskommen würde, außer einem Anfangssetting und einem Schlußbild existierte kaum Konkretes und so glich das Schreiben mehr einem Versuch, sich dieser Welt, die man aufgemacht hat, auszusetzen. Ab dem Punkt, da sich das Buch mit Leben füllte,  war es sogar so, daß sich der Text manchmal fast wie von selbst geschrieben hat, daß ich also nur noch beobachten und beschreiben musste, was geschieht – das waren mit die schönsten Momente bei dieser Arbeit.

Hattest Du vorher schon Ähnliches versucht oder war dieser Roman der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser?

Ich habe vorher eine Reihe von Kurzgeschichten geschrieben, das waren aber eher unambitionierte Sachen, später gab es noch einige fragmentarische Texte unter dem Titel „Im toten Haus“, die dann ein Stück weit im Eingangskapitel von „Über uns der Schaum“ wiederkehren. Schon längere Zeit habe ich die Angewohnheit, mir vor dem Einschlafen vorzustellen, was ich wohl schreiben könnte, damit waren also die Ästhetik und auch der Erzählwille im Grunde schon vorhanden. Zudem hat mich das Thema Detektive schon lange interessiert, weshalb ja dann das aktuelle Messer-Album „Jalousie“ so wurde wie es ist. Ich habe übrigens als kleiner Junge, kaum daß ich das Schreiben lernte, immer einen Roman schreiben wollen und das war auch ein Detektivroman – der ging dann  aber über das Vorzimmer des Detektivs leider nicht hinaus ...

… also ist das ja fast ein Kindheitstraum?

Ja, ein bisschen schon. Ich war mir eigentlich immer ziemlich sicher, daß ich irgendwann mal ein Buch schreiben würde.

Ist es denn möglich, ein solches Buch, einen Krimi, ohne vorherige Planung, also ohne die genaue Vorstellung von Spannungsbogen und Dramaturgie, anzugehen?

Ich habe bei dem Buch überhaupt nicht das Gefühl, daß das ein Krimi sei, es gibt ja keinen Fall, kein Rätsel. Vielleicht verhält sich der Roman zu so etwas wie Kriminalliteratur, weil es die Kunstfigur des Detektivs gibt. Ich hatte aber schon eher ein literarischen Anspruch, eine eigene Welt zu erschaffen, die nicht auf ein bestimmtes Genre begrenzt ist.



Aber eine gewisse Spannung, die sich für den Leser langsam aufbaut, läßt sich beim Lesen nun nicht leugnen?

Ja, genau das war dann die Arbeit. Ich habe in Kauf genommen, daß bestimmte Szenen nicht den Gesetzen der Logik standhalten würden – das war mir ehrlich gesagt auch ziemlich egal. Das Verhältnis von Vergangenheit, Beobachtung, Gegenwart, Wahn, Traum, Rausch, das ist etwas, was mich schon immer interessiert und bei dem ich das Gefühl hatte, mich dort relativ selbstsicher bewegen zu können. Diese Zeitsprünge bestimmen eigentlich alles, was ich bisher geschrieben, woran ich künstlerisch gearbeitet habe – das Verhältnis von Beobachtungen, Träumen, Tatsachen, Erinnerungen, ich bewegen mich seit jeher gern dort, wo diese Grenzen verwischen. Das ist eben das, was ich für diesen Roman wollte, eine Welt zu erschaffen, die man einerseits erkennen, wo man sich dann aber doch nicht so sicher sein kann, wo genau man sich gerade befindet. Eine Irritation also, die zum einen kunstvoll ist, die aber doch dazu herausfordert, sich zu orientieren. In dieser Herausforderung steckt für mich generell der Sinn von Literatur, eben nicht in der Unterhaltung oder der Befriedigung von Erwartungen.

Es gibt ja eine offensichtliche Gleichzeitigkeit von Platte und Buch, wie kann man sich das in der Arbeit vorstellen, wie kam das zustande?

Wir waren im Auftrag des Goethe-Instituts vor einiger Zeit in China unterwegs und dort habe ich zusammen mit unserem Bassisten Pogo McCartney begonnen, mich für das Thema Detektive zu interessieren, schon dort haben wir uns überlegt, daß es doch interessant wäre, sich solch eine Detektivgeschichte einfallen zu lassen. Dabei ging es aber eher um dem Reiz der Detektivfigur an sich, die in der Regel zwar für das Gute steht, aber immer auch ein wenig halbseiden ist, ein Grenzgänger also. Es ergab sich dann, daß diese Gedanken auch für Messer interessant wurden – wir hatten spaßeshalber sogar kurz überlegt, uns in „Detektive“ umzubenennen. Ich habe also zugleich an das Album und an das Buch gedacht und auch begonnen, an beidem zu arbeiten. Und wenn ich das Gefühl hatte, daß bestimmte lyrische Sachen für mich noch nicht auserzählt waren, dann habe ich es halt für den Roman weitergesponnen, und manchmal hat das auch umgekehrt funktioniert. Letztlich sind davon aber nur noch wenige, sporadische Momente erkennbar geblieben – es geht da eher um die Grundstimmung, die beide Werke begleitet. Buch und Platte sind aber, das ist uns ganz wichtig, unbedingt getrennt zu sehen und bedingen einander nicht. „Jalousie“ ist das Ergebnis der Arbeit einer Band von fünf Leuten, das Buch habe ich allein geschrieben.



Über biographische Parallelen müssen wir ja sicher nicht sprechen, aber kann man sagen, daß Dir die Figur des Detektivs Joseph Weinberg vom Wesen her sehr sympathisch ist und Dir in gewisser Weise doch nahesteht?

Ja, aber eben weniger als Detektiv, sondern eher als Mensch. Es ist so, daß mir persönlich lyrische Texte schon immer sehr geholfen haben und ich mir gedacht habe, jetzt, da ich Weinberg derart beanspruche und malträtiere, möchte ich ihm mit den kleinen Gedichten, die im Roman erscheinen, gern auch etwas Tröstliches mitgeben, etwas, das mich auch immer begleitet hat. Grundsätzlich finde ich solche Menschen wie ihn immer spannend, die mit Widersprüchen leben, die sich ab und zu auch selbst im Weg stehen, die wie er auf der einen Seite tugendhaft und souverän sind, aber dann doch wieder alles kaputt machen und andere Menschen mit den Schlamassel hineinziehen.

Du wechselst, auch bei der Person des Detektivs, ab und zu die Erzählperspektive, kommst also vom Ich-Erzähler auch mal in die dritte Person – was wolltest Du damit bezwecken?

Ich wollte mich in diesen Momenten weiter wegbewegen vom Geschehen, bin da eher in der Beobachterposition und habe vielleicht auch Freude an bestimmten Bildern, die die Figur selbst gar nicht sehen würde, aus der ich sonst spreche. Also ein ganz bewusster Griff, vielleicht auch, um ein anderes Erzähltempo zu wählen. Ich habe auch viele Szenen eher wie durch eine filmische Kamera beobachtet, dafür war diese Perspektive einfach besser geeignet.

Du findest in dem Buch, ähnlich wie bei Messer schon, eine Vielzahl faszinierender, oftmals sehr düsterer Sprachbilder, die Bezüge zum Film Noir oder auch zur Gattung der Graphic Novells liegen nahe, gibt es da für Dich direkte Bezüge?

Mit Graphic Novells habe ich keine persönlichen Erfahrungen, der Gedanke, sich den Roman dahingehend vorzustellen, ist aber trotzdem sehr reizvoll. Zur Ästhetik des Film Noir fühle ich mich auf jeden Fall hingezogen. Ich mag solche Sachen, die so etwas wie eine Detektivgeschichte erzählen, ohne daß es unbedingt einen Detektiv geben muß, die Filmgeschichte liefert dazu ja tolle Beispiele – „Bladerunner“ von Ridley Scott oder David Lynchs „Blue Velvet“ beispielsweise. Ich finde übrigens, daß es auch in der Musik viele Dinge gibt, die ihrer Klarheit wegen über Jahre hinweg inspirierend sein können, ob das nun Krautrock ist oder die ganz frühen Elektronik-Sachen, die so viel innovative Strahlkraft haben, daß sie mehrere Generationen von Künstlern beeinflussen und überdauern. Und auch wenn mich die Hard-Boiled-Sachen wie Chandlers Marlowe u.a. natürlich schon irgendwie beeinflusst haben, waren es doch eher die Umwege, auf denen sie zu mir gelangt sind.



Ein Großteil der Handlung spielt ja in Megacities und ich unterstelle mal, Du hast solche Städte schon selbst erlebt. Faszinieren sie Dich eher oder schrecken sie einen mehr ab?

Ja, es gibt da in China diese Stadt Qingdao, wo wir auch mit Messer schon waren und die ich damals als wahnsinnig anziehend empfand. Ich habe dort viele Eindrücke, Bilder gesammelt, die auch später für die Ästhetik des Romans eine große Rolle spielten. Gleichzeitig haben solche Städte natürlich auch etwas sehr Verstörendes und Erschreckendes, weil man sieht, wie zwischen den titanischen Betonbauten verarmte Menschen im Elend dahinvegetieren. Das ist ja das Ambivalente daran, daß sie einerseits einen wahnsinnigen Sog entwickeln, aber auf der anderen Seite auch Orte sind, in denen ebensoviel Leid zu entdecken ist. Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, daß Großstädte das Dämonische und Schlechte eher nach Außen kehren, auf dem Dorf oder in der Kleinstadt hingegen die schlimmen Tragödien viel eher hinter zugezogenen Gardinen verborgen bleiben. So gesehen macht mir das Dorf mehr Angst als die große Stadt.

Zum Schluss dann doch noch eine Frage an den Musiker: Müßtest Du ein Tape für das Fluchtauto von Maude und Weinberg aufnehmen, welche Musik dürfte darauf nicht fehlen?

Das ist interessant, denn während des Schreibens habe ich sehr viel elektronische Musik gehört, Industrial, Noise, sehr sphärische, strukturlose Sachen. Mir fällt aber ein, daß ich gerade eine Platte für mich entdeckt habe, die wahnsinnig gut als Score zum Roman passen würde: Sie stammt von der Kanadierin Buffy Saint-Marie, einer Künstlerin, deren Gesamtwerk eher in Richtung Country geht und eigentlich nicht ganz so meins ist. Sie hat aber 1969 ein Album namens „Illuminations“ veröffentlicht, das voller geisterhaften Synthesizer-Melodien ist und zum Zeitpunkt des Erscheinens ein kommerzieller Flop war – angeblich verleugnet sie es heute sogar. Ich habe diese Musik zwar erst nach Fertigstellung des Romans entdeckt, aber sie hat mich richtig gepackt und ich habe mir sofort gedacht, daß sie perfekt zu Weynberg und Maude passen würde.

High Sunn: Hoffnungslos

Die Goldgräberarbeit des englisch-schwedischen Joint Ventures Punk Slime, kurz PNK SLM, haben wir ja erst kürzlich aus Anlass der Veröffentlichung des neuen Hater-Albums "You Tried" würdigen dürfen, nun kommen die Damen und Herren mit dem nächsten Treffer um die Ecke: Die Rede ist von dem gerade mal 17jährigen Justin Cheromiah, der unter dem Namen High Sunn eine Reihe vielversprechenden Songs veröffentlicht hat - neben dem brandaktuellen "Joy Of Romance" gibt es hier auch noch die Stücke "Tears" und "Polaroids" zu hören, allesamt von der EP "Hopeless Romantic", die am 19. Mai erscheinen wird.

Ha The Unclear: Vorgeschmack

Und noch einmal etwas abgefahrenen, lässigen Gitarrenpop, diesmal zu älteren Bekannten aus dem weiter entfernten Neuseeland: Von dort nämlich, genauer aus Dunedin, stammt das Quartett Ha The Unclear, 2014 haben die vier Jungs "Bacterium, Look At Your Motor Go", ihr Debütalbum, abgeliefert und heute nun gibt es mit "Big City" einen ersten neuen Song zu hören - und der klingt richtig klasse.

Birdsworth: Komische Vögel

Erster Eindruck: Oh mein Gott - Colabodenbrille, Kostümierungen, must be a Hulpen-Party! Beim Reinhören entpuppt sich aber "Treat You Good" schon mal als ziemlich lässig funkendes Stück Feinkostpop, und zwar trotz der albernen Verkleidung. Birdsworth, das sind Jack Coffey, Joe Gislingham und Luke 'Tupasa' Yexley, kommen natürlich, wenn auch über Umwege von der Insel, sind derzeit in Woking stationiert und benennen ihre Einflüsse mit Fela Kuti, The Style Council, den Bee Gees und Punjabi MC - alles klar. Neben der aktuellen Single gibt's hier noch die ebenso feinen Stücke "Muthafucka", "Oblivious" und "Casual Love" zu hören. Bleiben wir dran, ganz sicher.



Donnerstag, 20. April 2017

All We Are: Vorsichtiger Wandel [Update]

Neues Material erwartet uns aus der Stadt am Mersey-River: Die Liverpooler Band All We Are ist ja vor fast genau zwei Jahren mit einem verheißungsvollen Debüt gestartet und schon damals war man geneigt zu sagen, Guro Gikling, Rich O'Flynn und Luís Santos machen ihrer Heimatstadt und deren Musikhistorie mit diesen feinen Popmelodien alle Ehre. Wie man hört, soll das neue Album, das bald ebenso auf Domino Records erscheinen soll, einen leichten Stilwandel in Richtung Krautrock und Post-Punk vollziehen, die erste Single mit dem Titel "Burn It All Out" gibt schon mal einen passenden Vorgeschmack.

Update: Eigentlich sollten wir das Wort "vorsichtig" aus der Überschrift streichen, denn auch die nächste Single "Human" poltert überraschend los - die neuen All We Are dürften also mit den alten nicht mehr so viel gemeinsam haben. Das künftige Album wird übrigens "Sunny Hills" heißen und am 9. Juni erscheinen.



Poliça vs. Spank Rock: Aus der Versenkung [Update]

Um das Thema abzurunden: Von Naeem Juwan aka. Spank Rock hat man nun wirklich sehr lange Zeit nichts mehr gehört, denkt man an das fabelhafte Album "Everything Is Boring And Everyone Is A Fucking Liar" aus dem Jahr 2011, könnte man deshalb fast von Wehmut gepackt werden. Nun ist aus Anlaß des Record Store Day zumindest ein Lebenszeichen in Sicht - da nämlich erscheint mit "Still Counts" eine Single von Poliça diese featured eben den Mann aus Baltimore. Klingt fett, haut rein, hätte man gern mehr von vertragen.

Update: Und hier ist dann das Video zur eigentlichen A-Seite "Lipstick Stains", wiederum entstanden zusammen mit Boys Noize.



Mark Lanegan: Einmal blutig, bitte

Es sind nicht die Screaming Trees, aber es geht in die Richtung: Mark Lanegan wird in der nächsten Woche zusammen mit seiner Band das nächste Album veröffentlichen - "Gargoyle" kommt via Heavenly Recordings und geht es nach der aktuellen Single "Beehive", dann könnte das nach einiger Zeit mal wieder ein ziemlich rockiges Vergnügen werden. Das Video von Zhang + Knight jedenfalls ist schon mal recht spooky und blutig geraten.

Neonschwarz: Perfekter Tag

Das darf man natürlich ruhigen Gewissens niemandem empfehlen. Aber hinter vorgehaltener Hand und mit leiser, konspirativer Stimme folgenden Rat: Probiert es mal aus - an einem warmen Sommertag die Kopfhörer auf, die Fluppe in den Mund und rauf auf's Fahrrad. Und was läuft? Natürlich der "Jogginghosentag" von Neonschwarz. Dieser fabelhafte Hangoverhit stammt vom ebenso fabelhaften Album "Metropolis" des Hamburger Dreieinhalbgestirns und insgeheim hatte man ja gehofft, sie würden den Track noch mal irgendwann auskoppeln. Nun, irgendwann ist heute, hier kommt er also und mit ihm ein kleines Filmchen von Ole Hellwig. Perfect day.

Starling: Schlechte Stimmung

Nebel, Krähen, Stacheldraht - sieht nicht nach allerbester Stimmung aus: Der Song "In The Dark" zum neuen Video der Londonerin Starling stammt von ihrer aktuellen EP "The Body" und folgt den bislang bekannten Stücken "No Rest For The Wicked" und "Large It", die EP ist Ende März bei Distiller Records erschienen.



EMA: Bleibt dabei

Okay, daß das kein unpolitisches Album wird, kann man schon am Titel der ersten Single ablesen, etwas anderes hatte man allerdings von Erika M. Anderson aka. EMA auch nicht erwartet: Die Amerikanerin ist ja nicht nur für ihre Vorliebe für Science Fiction und anverwandte Themen, sondern auch für ihre oftmals recht harschen politischen Statements bekannt. Schon die letzte Platte "The Future's Void" aus dem Jahr 2014 war entsprechend gelagert, das am 25. August via City Slang erscheinende Werk "Exile In The Outer Ring" wird ihm, so ist zu vermuten, in nichts nachstehen. Das Video zur Vorauskopplung "Aryan Nation" stammt im Übrigen von Aaron Anderson und Eric Timothy Carlson.

Mittwoch, 19. April 2017

Dion Lunadon: Hart bleiben

Es mal allein zu versuchen, übt offenbar irgendwann auf jeden Musiker einen großen Reiz aus. Die einen geben ihm nach, andere lassen es besser bleiben. Dion Lunadon, Frontmann der Noisekapelle A Place To Bury Strangers, macht das, was auch John Sterry von der Gang Of Four gerade unter dem Moniker Billionaire gerade ausprobiert hat - er allerdings bleibt beim harten Fach und wird am 9. Juni sein selbstbetiteltes Solodebüt via Agitated Records veröffentlichen. Darauf finden sich elf Songs, von denen bislang drei bekannt sind: Für "Fire" gibt es sogar ein einigermaßen verstörendes Video, dazu kommen "Com/Broke" und ganz aktuell die Single "Howl". Nun, dann lassen wir's also mal scheppern...


Dienstag, 18. April 2017

Kendrick Lamar: Unter Strom

Man nennt das wohl hyperaktiv: Gerade erst hat Kendrick Lamar seinen beiden kürzlich veröffentlichten Singles "The Heart Part 4" und "Humble" ein brandneues Album namens "DAMN." folgen lassen, da steht zum Track "DNA." auch schon das nächste Video bereit - und hier gibt kein Geringerer als Schauspieler Don Cheadle Lamas Widerpart, Regie führte Großmeister Nabil. Anschauen!

Febueder: Erwachen

Und noch einmal Alternativ-Pop, diesmal aus dem englischen Ascot: Von dort stammt das Trio Febueder - seit 2010 musizieren Kieran Godfrey (Gesang, Gitarre) und Samuel Keyssel (Percussion) miteinander, 2015 kam Toby Ingram (Bass) hinzu, am 12. Mai soll nun ihre neue EP "From An Album" erscheinen. Fünf Tracks wird sie enthalten, für "Morning Yawn" hat Timothy Jacob Elledge ein Video mit starken Bildern beigesteuert.

Vilde: Neu erfunden

Was genau man sich unter der Rubrik Study Dance vorzustellen hat, ließ sich auf die Schnelle nicht herausfinden, Tatsache ist, daß Thomas Savage, Ex-Frontmann der Kins, mit seinem neuen Projekt Vilde seinen Stil entsprechend umschreibt. Herausgekommen ist nach unserem laienhaftem Verständnis wunderbarer LoFi-Synthpop, der sich noch dazu verteufelt tanzbar gibt. Zur aktuellen Single "Maintain" gab es in den Wochen zuvor schon einige ähnlich bestechende zu hören - der monatliche Output soll sich (hier vor Ort auch die neueren Hörproben "High Horse", "Life Sized" und "Dreamboat") bald auf einem Debüt-Album versammeln. Gute Idee, das.

21.07.  Berlin, Berghain Kantine