Donnerstag, 18. Januar 2018

Zugezogen Maskulin: Freie Radikale

Zugezogen Maskulin
Support: BLOND
Strom, München, 17. Januar 2018

Da hat sich doch einiges geändert. Noch vor zwei Jahren spielten die Grime-Rapper von Zugezogen Maskulin – gerade war ihr furioses Debüt „Alles brennt“ erschienen – im Münchner Feierwerk, das Publikum war überschaubar, eher reserviert und von Textsicherheit noch nicht viel zu hören. Und heute? Der Club größer, alle Plätze bis auf den letzten Quadratzentimeter gefüllt und die Stimmung angespannt bis euphorisiert. Was ist passiert? Nun, das, was wir Zivilgesellschaft nennen, bröckelt in der Mitte wie am Rand, das Gift aus Misstrauen, diffuser Angst und gegenseitiger Entfremdung durchdringt das Öffentliche wie auch das Private, es kämpfen nicht mehr nur links gegen rechts und oben gegen unten, sondern "Alle gegen alle" – und ZM liefern den krassen Soundtrack zum täglichen Gefecht. Wie nur wenige andere Bands haben Testo und Grim104 die Binse verinnerlicht (der Plastikgeld-Jingle läßt grüßen), nach der Freiheit nicht einfach nur da ist – man muß sie sich auch nehmen.

Und sie nehmen reichlich. Zu derben Reimen mischen sie vorzugsweise Brachialbeats mit geschmeidigen Popmelodien, eigentlich ein No-Go im brettharten Business. Ein weiteres Gegensatzpaar liefern sie in Sachen Optik – obschon sich ZM eigentlich als unpolitisch begreifen, hauen sie der Crowd unablässig Statements und Parolen um die Ohren, die verspießerten Alt- und Neunationalen kräftig Bauchschmerzen bereiten dürften – das Ganze aber gern mit Frakturschrift und in der obligatorischen Fred-Perry-Uniform. Irritation und Provokation als Einstellungsfrage haben die beiden also perfekt verinnerlicht:  Die Alten sollen sich gefälligst wegmachen, für die Gestrandeten ist zwar genug da, kriegen tun sie trotzdem nix, ein Jahresgehalt für ein Paar Halbgottsneaker, ein Hoch auf den Fettranzen, Tod dem Hipster und dem Blumenkind, steiler geht es tatsächlich kaum. Zynismus als Kalkül, Widerspruch erwünscht.

Dass man unter schwarzen Wolken aber trotzdem ganz gut abfeiern kann, beweist der Abend. Anders als noch bei letzten Besuch brauchen ZM keine Minute, um die Menge zum moshen zu bringen. Es ist dies nicht die Zeit für neunmalkluge Textanalysen, ein unablässigen Hin- und Her aus verschwitzten Körpern, garniert mit Konfettikanone und fliegenden Bierbechern, Satzfetzen skandierend, außer Rand und Band. Groteske Szenen gibt es da: Während unten der Mob tobt, spielt oben im Nebel eine einsame Geige, die Masse grölt dem Gevatter Tod eine Ballade, später bricht der Sound unvermittelt ab, Fortsetzung erfolgt mittels flacher Hand auf nackten Bauch – Deichkind hätten es nicht besser hinbekommen. Die Provinzheinies, die gern mit der Plattenbautristesse kokettieren (oder war es umgedreht?) machen das richtig gut. Die Lage ist ernst, vielleicht sogar hoffnungslos, aber für den Moment scheint selbst das egal. Solange der Beat stimmt.

Ganser: Für's erste

Seit Herbst 2016 zählen Ganser zweifellos zu unseren geheimen Favoriten, die letzte EP "This Feels Like Living" der Band aus Chicago und besonders ihre Killersingle "Pyrrhic Victory" waren einfach zu gut. Danach aber leider lange Pause, begleitet von ein paar sehnsüchtigen Blicken auf die Facebook-Timeline. Und die offenbart nun endlich einen Termin für das Debütalbum der vier - am 20. April soll "Odd Talk" bei No Trend Records erscheinen. Wann die erste Kostprobe folgt, ob es auch hierzulande ein paar Livetermine gibt, who knows? Deshalb nachfolgend das neue Artwork mit dem alten, immer noch feinen Song.



Mittwoch, 17. Januar 2018

Lake Jons: Einfach so

Lake Jons
"Lake Jons"

(Anti Fragile Music)

Man muß ja nicht jedes Mal das beliebteste Vorurteil über die Finnen aus dem Keller zerren (und tut genau das gerade wieder), nach dem dieses Volk im Grunde nur drei Dinge mag: Alkohol, Black Metal und übertriebene Saunagänge. Alles Quatsch, es gilt anzuerkennen, daß die Finnen in vielerlei Hinsicht voller Überraschungen stecken. Und das betrifft eben auch die Popmusik. Wie zum Beweis haben gerade Jooel Jons, Mikko Pennanen und Jaska Stenroth, drei junge Herren aus Helsinki, ihr Debüt (nach zwei EP aus dem Jahr 2016) veröffentlicht und dieses strotzt nur so von hochmelodiösen, leichtfüßigen LoFi-Klängen. Zugegeben, der Hinweis, sie hätten die Stücke während einer mehrmonatigen Session tief im Waldesinneren ihrer Heimat ganz ohne fließendes Wasser aufgenommen, klingt nun wieder sehr holzfällerisch aka. naturburschenhaft aka. finnisch. Aber es hat offenkundig geholfen, eine stattliche Anzahl lohnenswerter Ideen anzustoßen, die das Album zu einem (größtenteils) sehr hörenswerten machen. Denn auch wenn sie es manchmal mit der Lieblichkeit allzu gut meinen - vom üblichen Raster formatierten Radiomainstreams sind die drei doch eine ordentliche Strecke entfernt, der Elektronikfolk kann, wie bei "Call Me", "Breath Out The Fumes" oder "Colors", mit feinen Grooves aufwarten und hält fast immer ein paar tricky Wendungen und Haken parat. Ein erstklassiges Mittel gegen überkommene Klischees und ganz ohne gefährliche Nebenwirkungen.

Young Fathers: Ansichtssachen

Und auch dieses Album hatten wir eigentlich schon auf dem Zettel: Im November letzten Jahres kamen die Young Fathers mit einem neuen Track "Lord" plus Video um die Ecke und alle Welt gierte ab sofort nach dem dazugehörigen dritten Album der Schotten. Das kann nun vermeldet werden - am 9. März soll "Cocoa Sugar" bei Ninja Tune erscheinen und auch diesmal gibt es einen neuen Song zur Nachricht, "In My View" wird von einem Video des Regisseurs Jack Whiteley flankiert. Das markante Cover zur Platte stammt im Übrigen von der Künstlerin Julia Noni.

Eels: Halbwissen [Update]

Nennen wir es der Einfachheit halber mal: Album. Ganz genau weiß man nämlich noch nicht, was Mark Oliver Everett aka. Eels da mit dem kleinen Teaserfilmchen ankündigt. Natürlich liegt der Schluß nahe, daß es die Folgeplatte für das letzte Studiowerk "The Cautionary Tales Of Mark Oliver Everett" und den ebenso formidablen Livemitschnitt "Royal Albert Hall" wird. Der Titel wird aller Voraussicht nach "The Deconstruction" lauten und als Erscheinungstag ist der 6. April avisiert. Nun warten wir nur noch auf eine entsprechende Klarstellung.

Update: Stimmt alles, sagt die Plattenfirma. Und unten erklingt der Titelsong dazu.

17.06.  Mannheim, Maifeld Derby
25.06.  München, Tonhalle
28.06.  Berlin, Tempodrom
29.06.  Hamburg, Große Freiheit

Dienstag, 16. Januar 2018

Me Not You: Erster

Es war nur eine Frage der Zeit, wann und von wem denn erste wirklich richtige Ohrwurm des neuen Jahres kommen würde, nun, das Warten hat ein Ende, denn wir präsentieren - tadaah! - Me Not You, ein Duo aus New York City, und ihre neue Single "Everafter". Und wem die nicht in die Ohren kriecht und sich dort für die nächsten Tage festkrallt, der hat wahrscheinlich auch sonst nicht viel Spaß am Leben. Am 23. Februar wird im Übrigen die EP "Reckoning 2" von Nikki Taylor und Eric Zeiler erscheinen, wenn die restlichen Stücke ähnlich geschmeidig klingen, ist ein Erfolg nahezu unvermeidlich.

Preoccupations: Nachfolge

Gar nicht allzu lange her, da hießen die Preoccupations noch Viet Cong und waren da schon mehr als ein Geheimtipp. Ende 2016 kam dann ihr erstes Album unter neuem Namen und schnell war klar, daß die vier mit der Umbenennung nichts von ihrer dunklen Energie verloren hatten. Nun also wieder Neues - am 23. März stellen die Kanadier um den charismatischen Sänger Matt Flegel ihr neues Werk "New Material" bei Jagjaguwar vor, die erste Single ist das Eröffnungsstück "Espionage", eine kleine Tour mit vorerst leider nur einem deutschen Termin wird ebenfalls folgen.

04.07.  Hamburg, Molotow

Editors: Faust auf's Auge

Na, das sieht ja einigermaßen martialisch aus: Die Editors haben für den 9. März ihr sechstes Studioalbum "Violence" angekündigt, neun Songs sind dafür geplant und "Magazine" ist der erste, den die Herren um Sänger Tom Smith voranschicken. Das Video wurde von Rahi Rezvani gedreht, der schon längere Zeit mit der Band zusammenarbeitet, der Song thematisiert die grassierende Korruption und den Machtmissbrauch unter Anzugträgern in Politik und Wirtschaft. Nun ja.

18.03.  Wiesbaden, Schlachthof
24.03.  Münster, Jovel
25.03.  Köln, Palladium
31.03.  Hamburg, Mehr Theater
01.04.  Berlin, Tempodrom
02.04.  Leipzig, Haus Auensee
18.04.  Wien, Gasometer
20.04.  München, Tonhalle
21.04.  Zürich, Komplex 457
24.04.  Lausanne, Les Docks

Montag, 15. Januar 2018

Xul Zolar: Ein Fähnchen mehr

Xul Zolar
„Fear Talk“

(Asmara Records)

Unlängst schrieb selbst die altehrwürdige ZEIT: „Hamburg hatte seine Hamburger Schule um Tocotronic. Stuttgart hatte seine Hip-Hop-Bands. Berlin hatte alles. Köln hatte die Höhner.“ Nun, für die Bäckerblume der Hochschulprofessoren ist das zwar recht grob sondiert, aber grundsätzlich nicht ganz falsch formuliert. Und auch wenn die Domstadt mittlerweile auf der Habenseite mit den hinlänglich bekannten AMK einen gut machen konnte – es war bislang im Vergleich zu anderen Szenestädten nicht das Gelbe. War – denn auch wenn sich aus dem Folgenden sicher noch kein belastbarer Trend zimmern läßt, scheint man am Rhein etwas aufzuholen. Schon im vergangenen Jahr traten mit Komparse und vor allem Woman zwei Band jenseits des Unterhaltungsmainstreams auf den Plan, letztere konnten sich mit ihrem Langspieldebüt „Happy Freedom“ gleich in so einige Bestenlisten eintragen. Und nun meldet sich mit Xul Zolar gleich die nächste Überraschung.



2011 von Ronald Röttel und Marin Geier gegründet, später zum finalen Lineup um die beiden Denisse Hofmann und Enyan ergänzt, gab es 2015 mit „Tides“ die erste EP und nun einen Erstling, der – sieh an – vom Kölner Lokalmatador Marvin Horsch betreut wurde, der wiederum auch schon bei Woman im Boot resp. an den Reglern saß. Und auch diesmal gibt es feingewirkten Pop aus der Delikatessabteilung, warme Synthflächen, Röttels zarte Kopfstimme und viele (und keinesfalls störende) Bezüge zu den Jahren 80 bis 90. Die Melancholie ist mit den Händen zu greifen, gern wird auch mal der eine oder andere Chorgesang eingeflochten („Meridian“) und wer in der Verweiskette Namen wie ABC, New Order und Alphaville memoriert, muß sich nicht schämen, es hat schließlich schon weitaus schlimmere Verdächtigungen gegeben.



Neben dem feinen Titelsong darf man vielleicht noch „Soft Drones“ und „Combat“ aus der ohnehin schon hochklassigen Auswahl herausheben, der Groove ist ein vorsichtiger und dennoch entkommt man ihm kaum. Wer die Herkunft des Bandnamens im Übrigen auf den Buchseiten von Stanislaw Lem und Douglas Adams sucht, wird wohl ewig blättern müssen, hier stand der argentinische Avantgardist Xul Zolar Pate, beim Albumtitel wiederum wird es etwas politisch. Denn mit diesem spielen die vier Herren auf das Vokabular an, mit welchem von Demagogen und Vereinfachern dieser Welt zum Zwecke der Kontrolle (leider auch in unseren Zeiten) bewusst Ängste erzeugt werden. Ein kleines Wunder, daß derlei düstere Anspielungen mit den geschmeidigen Popsongs des Quartetts zusammengehen, es wird also Zeit, ein Fähnchen mehr in die Landkarte zu stecken. An unvermuteter Stelle.

03.02.  Köln, Gebäude 9
14.02.  Dortmund, Oma Doris
15.02.  Hamburg, Prinzenbar
16.02.  Bremen, Lagerhaus
21.02.  München, Rote Sonne
22.02.  Jena, Cafe Wagner
23.02.  Dresden, Altes Wettbüro
24.02.  Bayreuth, Schokofabrik
25.02.  Berlin, Roter Salon

Tocotronic: Und alles ist klar

Und wieder wird es Zeit für ein weiteres Kapitel der Unendlichkeit unseres unsteten, rätselhaften Lebens. Tocotronic schicken nach dem Titelsong und dem Gitarrenkracher "Hey Du" mit "Electric Guitar" ein weiteres Stück ihres neuen Albums samt Bildertagebuch in die Runde und irgendwie wird man das gute Gefühl nicht los, die Jungs kommen immer mehr zu sich selbst. Ein Schwelgen, ein Raunen, ein wohliges Kribbeln, der Song ist ein Traum und das nicht nur im übertragenen Sinne. Schauspielerisch begleitet hat hier übrigens Jasna Fritzi Bauer, gedreht wurde der Clip wiederum von Maximilian Wiederhofer.

Sonntag, 14. Januar 2018

Shame: Witz vs. Frust

Shame
„Songs Of Praise“
(Dead Oceans)

An dem Umstand, dass jede Gesellschaft die Musik bekommt, die sie verdient, ist nun wirklich nichts Neues. Und so schlecht, wie das jetzt klingt, muss das dann gar nicht sein. Weil es nämlich auf der Insel noch immer drunter und drüber geht, das Land zwischen sozialpolitischem Desaster, wirtschaftlicher Hilflosigkeit und antieuropäischer Isolation gerade seine Coolness und auch ein Stück seines vielgelobten Humors zu verlieren droht, finden sich immer mehr junge Menschen, die aus ihrer Wut und Frustration kein Hehl machen. Und darüber singen – loud und auch mächtig proud, so wie früher schon. Deshalb die Sleaford Mods, die Idles, The Fat White Family, deshalb auch Jungspunde wie SONNDR und eben Shame. Fünf milchbärtige Lads aus London, die dem Punk und dem Britpop mal wieder einen weiteren Kick verpassen und auf dem Debüt einen zwar altbekannten, aber immer noch spannenden Sound feiern.

Die zehn „Songs Of Praise“ kommen meistenteils als rohe und rotzige Gitarrennummern daher, mal schnell und lässig wie „Concrete“, „Tasteless“ und „Lampoon“, mal zäh und schroff wie beim Einstieg „Dust On Trial“ oder dem einigermaßen rätselhaften „The Lick“. Daß sich die Jungs auch ihre poppigen Momente gönnen – der Kehraus „Angie“ hält davon ganze wunderbare sieben Minuten bereit – macht sie noch sympathischer, denn nichts ist so langweilig wie verbissenes Einerlei. Auch der Witz ist ihnen noch nicht abhandengekommen, schaut man sich den Clip zu „Gold Hole“ an, in welchem Sänger Charlie Steen den selbstverliebten Gockel und nervigen Besserwisser gibt und seine Bandkollegen wie armselige Trottel aussehen läßt. An anderer Stelle („One Rizla“) versuchen sich die Kerle, vom Haus- und Hofherren zunächst misstrauisch beäugt und später väterlich belächelt, in mehr oder weniger ernsthafter Landarbeit. Ein großer Spaß. So wie die ganze Platte.

08.05.  Wien, Chelsea
11.05.  Zürich, Dynamo

Freitag, 12. Januar 2018

The Radio Dept.: Bleibt dabei

Da ist immer Vorsicht geboten: Die schwedischen Synthpopper The Radio Dept. haben ein begnadetes Talent, gewichtige Inhalte in leichte Formen zu fassen - man denke nur an das Stück "Swedish Guns" vom letzten Album "Running Out Of Love" und ebenso bekannte wie berüchtigte Frühwerke. Gerade haben die zwei Herren die Single "Your True Name", die erste Veröffentlichung ihres eigenen Labels Just So! veröffentlicht - die 7" folgt der EP "Teach Me To Forget" aus dem Sommer des vergangenen Jahres.

Pale Grey: Überraschungsgast

Die belgische Band Pale Grey, ein Brüsseler Quartett um Sänger Gilles Dewalque, hatte sich bislang eigentlich eher den leisen und behutsamen Tönen verschrieben - hört man sich beispielsweise die beiden letzten Singles "Blizzard" und "Billy" an, kann man (bei entsprechender Veranlagung) leicht ins Schwärmen geraten. Für den aktuellen Track "Late Night" haben sich die Jungs allerdings die Unterstützung von David Cohn , besser bekannt unter seinem Künstlernamen Serengeti, geholt, seines Zeichens weltbekannter Rap-Star aus Chicago. Und sofort bekommt ihr Sound eine neue, interessante Komponente. Das dazugehörigen Album "Waves" wird im Übrigen am 2. März bei JauneOrange Records erscheinen.

Donnerstag, 11. Januar 2018

Wolf Alice: Im Handumdrehen

Wolf Alice
Support: PABST
Ampere, München, 10. Januar 2018

So richtig perfekt war‘s erst, als die Frisur einigermaßen ruiniert war. Ein kurzer Handgriff in die blondierte Mähne, fertig. Ellie Rowsell, Frontfrau von Wolf Alice und mithin nicht nur stimmlich, sondern auch optisch das Zentrum der Kapelle, muß ja seit Bestehen ihrer Band einen nicht eben kleinen Spagat wagen: Einerseits bedienen die Londoner auf ihren beiden famosen Alben das Segment des Dreampop, verhaltene Gitarren, geschmeidige Melodien, zarte Stimme, andererseits feiern sie zu gleichen Teilen das harte Rockbrett samt knackigen Riffs und wütendem Geschrei. Und das ist nicht nur für die Band, sondern auch die Zuhörer eine Herausforderung, ein Abend wie jener im ausverkauften Münchner Ampere wird demnach nicht kompromißlos durchgerockt, sondern immer wieder mit getragenen Nummern gebrochen, jeder Anlauf will neu genommen, jeder Zauber neu erzeugt werden. Nun, wer die Songs geschrieben hat, weiß um die Fallstricke und die Dynamik eines Live-Auftritts und Wolf Alice, allen voran natürlich Rowsell selbst, geben sich alle Mühe, den Faden ein jedes Mal wieder neu aufzunehmen. Und es gelingt. Wie zum Beweis setzen sie, wie auf der neuen Platte, nicht das furiose „Yuk Foo“, sondern eine vergleichsweise melodieverliebte Nummer wie „Heavenward“ an die Spitze des Sets, ähnliche Stimmungswechsel finden sich häufiger im Programm.

Hier die poppigen Hitsingles „Don’t Delete The Kisses“, „Lisbon“ oder „Sadboy“, dort die kantigen Gitarrenstücke „You’re A Germ“ und „Giant Peach“, der Funk von „Beautifully Unconventional“ und das Rockmonster „Visions Of A Life“ in Überlänge. Im Fokus, wie erwähnt, die Leadsängerin selbst, was sie macht, das geht, was sie nicht macht, geht unter oder schief. Ein Rätsel gab diesbezüglich Gitarrist Joff Oddie auf, der mit dem Umschaltspiel von laut zu leise offensichtlich so seine Probleme hatte. Seiner Poserei nach zu urteilen hätte er den Abend wohl lieber mit einigen wackeren Schwermetallern verbracht oder wenigstens öfter dem experimentellen Feedback gefröhnt – die hartnäckigen Bemühungen, seinem Instrument ein paar schicke Rückkopplungsgeräusche zu entlocken, wirkten ab und an etwas komisch und deplatziert. Geschenkt, der Saal feierte die Band trotzdem gebührend für die ansprechende Performance (die im Übrigen, soviel Zeit muß sein, auch der Berliner Support PABST trotz demoliertem Equipment ablieferte), selbst eine Moshpit war drin und irgendwann erfolgte ohnehin der besagte Griff ins Haupthaar und alle waren glücklich. Weil nämlich (Achtung: Lieblingsklischees) die Rockröhre und der zornige Vamp, wenn es um Erwartungen und also um kollektive Begeisterung geht, immer ein paar Punkte mehr auf den Zettel bekommen als verträumte Besinnlichkeit. Bei Wolf Alice haben sie, zum Glück, beide Platz.

Nation Of Language: Ein weiterer Grund

Über die neue Platte "Beautiful People Will Ruin Your Life" der australischen Band The Wombats und die dazugehörigen Tourpläne hatten wir hier ja schon berichtet, nun stellt sich heraus, dass es einen zusätzlichen Grund gibt, die Jungs unterwegs zu besuchen (Support vorerst in den USA). Und der nennt sich: Nation Of Language. Gerade nämlich hat das umtriebige Fachportal Stereogum eine sehr ausführliche Geschichte über das Trio aus Brooklyn verfasst, die erfreulicherweise auch reichlich Musikbeispiele enthält, so dass sich ermessen läßt, warum die drei auf der Liste Band To Watch gelandet sind. Der frische und ebenso melancholische Synthpop klingt schon mächtig verführerisch, es fällt schwer, die Lieder (wenn man es denn überhaupt will) wieder aus dem Gedächtnis zu kriegen. Den neuesten Song von Ian Devaney, Aidan Noell, Michael Sui-Poi und Andrew Santora "On Division St." gibt es vorerst nur in besagtem Netz-Special, nachfolgend ältere Songs von den vier bislang via Bandcamp erschienenen 7" bzw. EP. Ob es von Nation Of Language in nächster Zeit ein Album gibt, ist noch nicht klar, besser, man schaut etwas eher auf einem der Konzerte vorbei - es könnte sich lohnen.

Mittwoch, 10. Januar 2018

Loma: Auf ein Neues [Update]

Ganz so überraschend kam das dann wohl doch nicht: Die texanische Band Shearwater hatte auf einer ihrer Touren mit Cross Record einen Support eingeladen, der sich dieser Tage mit einem neuen und gemeinsamen Projekt wieder ins Gedächtnis bringt. Denn Emily Cross und Dan Duszynski haben sich nun unter dem Namen Loma mit Shearwater-Sänger Jonathan Meiburg zusammengetan, am 16. Februar steht bei Sub Pop das Debüt der drei ins Haus. Nachdem die erste Single "Back Willow" eine eher zarte und bedächtige war, kommt nun mit "Relay Runner" ein knisternder Krautrocker dazu.

Update: Das Video zur neuen Single wurde von Allison Beondé und Emily Cross im Monahans Sandhills State Park nahe der mexikanischen Grenze gedreht.



Jack White: Kein Zweifel

Er ist also wieder da. Und anders als kürzlich bei Herzchen Justin Timberlake sind die Zweifel, ob das ein wirklicher Grund zur Freude ist, ziemlich unbegründet: Jack White hat gerade nach "Blunderbuss" (2012) und "Lazaretto" (2014) sein drittes Album angekündigt, heißen soll es "Boarding House Reach" und das Netz ist so frei, die ersten beiden Songs "Connected By Love" und "Respect Commander" zu spendieren. Wann genau das Werk im Laden stehen wird, ist noch nicht bekannt (Update: 23. März via Third Man Records), gegen eine Tour hätten wir schon mal gar nichts einzuwenden.



Zugezogen Maskulin: Keine Gnade [Update]

Zugezogen Maskulin
„Alle gegen alle“
(Four Music)

Wundern wir uns eigentlich noch? Oder haben wir uns abgefunden mit dem, was um uns herum passiert? Mit der Arroganz der Macht in Politik und Wirtschaft? Mit dem Haß, der Gleichgültigkeit, dem Verschwinden des „wir“ und der unbedingten Diktatur des „ich“? Fühlen wir uns noch wohl oder geben wir besser klein bei und richten uns blickdicht ein? Bei Zugezogen Maskulin hat schon vor zwei Jahren alles gebrannt, tanzten die abgewrackten Kids als Klebstoffjunkies im grauen Abseits der Plattenbauten, war ohnehin schon alles zu spät. Kein Wunder in Sicht, deshalb hat sich daran auch bei der neuen, dritten Platte von Grim104 und Testo nichts geändert. Der Sound ist einmal mehr ein wütendes Anschreien gegen die Zustände drinnen und draußen, gegen die Hohlheit, die Verspießerung und die Abschottung, gegen das Blingbling des Hipstertums und nicht zuletzt die Entfremdung, mit der wir uns alle auseinandersetzen müssen, denn das kalte Gift der Egozentriker sickert unaufhaltsam durch alle Schichten und läßt keine aus.



„Uwe und Heiko“ sind die stellvertretenden Namen zum Thema, man trifft sie – früher unbeschwerte Freunde, heute entwurzelte, unkenntliche Gestalten – in einigen der neuen Songs des Berliner Duos und das Wiedersehen ist ein schmerzhaftes, weil mancher sich selbst in diesen Biographien wiedererkennen kann. Es ist auf schmerzhafte Weise verblüffend, wie treffsicher und brutal Zugezogen Maskulin uns den Spiegel vorzuhalten vermögen, es reichen drei Minuten zwanzig, um die Jetztzeit als bestenfalls tristes, immer öfter aber  apokalyptisches Unsittengemälde im Stile eines Hieronymus Bosch mit hämmernden Raps zu illustrieren („Was für eine Zeit“). Der gnadenlose Kampf um’s eigene Recht, die Vormachtstellung, die Profilierungssucht – dem „Alle gegen alle“ schon in die Falle gegangen, mittendrin im Schlagabtausch und wenn der am Gartenzaun passiert, dann braucht man zumindest den Mut zur Konfrontation, verstecken wir uns doch gleich besser in der Anonymität der asozialen Netzwerke.



Natürlich ist das alles bewußt überzeichnet, Jerichofanfaren zum Einstieg, der Mensch zurückgeworfen auf „Adams Zeiten“, getrieben von Geilheit und Kriegslust, nur scheinbar zivilisiert, bleibt er am Ende doch ein Primat, der Computer programmiert. Aber wer Wirkung erzielen will, muß Schmerzpunkte setzen, Schlachten gewinnt man schließlich nicht mit Katzenvideos, sondern mit Mut und Rückgrat: „Das hier ist kein das Dada, das hier ist kein Spaß, Zugezogen Maskulin, die Wolken bleiben schwarz!“ Es hat, auch das verwundert nicht, auch viele wehmütige Momente auf dem Album, die bittere Erinnerung an die Jugend („Teenage Werwolf“), das Bild vom Tod als Meister aus Deutschland, der auf einen letzten Drink an der Bar versackt und selbst für’s eigene Handwerk zu müde ist. Und vor allem die traurige Rückschau über Generationen aus der Sicht des Diktaturenkindes in „Steine und Draht“, weit entfernt von Heimatliebe und Sonnenuntergang mit röhrendem Hirsch (aber wenigstens gibt’s eine Knopfler-Gitarre dazu). Mehr Punch als die beiden hat zur Zeit niemand hier, Gnade war ohnehin nicht zu erwarten.

Update: Der Meister aus Deutschland im Kurzfilm - "Der müde Tod" neu in der Videothek.

Tourdaten auf http://www.zugezogenmaskulin.de/

Dienstag, 9. Januar 2018

BELGRAD: Wirklich frei

Fast, ja fast wäre das Album der so großartigen wie ungewöhnlichen Band BELGRAD im vergangenen Jahr unerwähnt geblieben. Großartig, weil von einer unbedingten Ernsthaftigkeit getrieben, klanglich beeindruckend vielschichtig und wohlüberlegt. Ungewöhnlich, weil sich mit diesem Quartett Städte, Generationen, Lebensläufe, Ideen auf eine Art treffen und mischen, die so wohl einmalig in Deutschland ist. Also haben wir das gleichnamige Debüt mit schlechtem Gewissen und völlig verdient in die Inventurliste 2017 geholt und versucht, einen der Musiker an die Strippe zu bekommen. Schwierig genug in der Zeit zwischen den Feiertagen, daß es Leo Leopoldowitsch, vor einiger Zeit aus Dresden nach Königs Wusterhausen in den Dunstkreis Berlins gezogen, dann – den holprigen Brandenburger Mobilfunknetzen zum Trotz – so viel Spaß gemacht hat, war nicht zu unbedingt zu erwarten. Um so erfreulicher: Es entspann sich ein Gespräch, das schnell in die Tiefe ging, Grundsätzliches nicht scheute und vielleicht auch deshalb so gut funktionierte, weil man ein paar Erfahrungen vor und nach dem Mauerfall teilte. In der kommenden Woche starten BELGRAD ihre Tour, wer die Band noch nicht kennengelernt hat, sollte hier und natürlich live vor Ort schleunigst damit anfangen.

Im Gegensatz zu jüngeren Bands habt Ihr, überspitzt formuliert, richtige Biografien vorzuweisen. Ist das für ein Projekt wie das Eure eher von Vorteil oder kann sich das auch als schwierig erweisen?
Im Grunde ist es beides, es kommt aber immer darauf an, was man will. Wenn man zum Beispiel wie ich ein nicht ganz so guter Musiker ist, aber viele Ideen hat, müsste man allein sehr viel mehr Kraft aufwenden, um das alles umzusetzen. Wenn du dann aber jemanden triffst, der fast doppelt so alt ist wie du und der schüttelt das einfach so aus dem Ärmel, ist das schon eine tolle Sache. Und das meint nicht nur musikalische, sondern durchaus auch organisatorische Dinge. Da ist es sehr hilfreich, wenn du hörst, dass bestimmte Dinge vor zwanzig Jahren schon keine so gute Idee waren und man den Fehler deshalb nicht zum zweiten Mal machen muss.



Trotzdem ist man mit der Bezeichnung Supergroup heute schnell in der entsprechenden Schublade verschwunden …
Stimmt. Wir wollten uns aber ganz grundsätzlich nicht darauf reduzieren lassen, in welchen Bands und Projekten wir vorher unterwegs waren – Stephan [Mahler, zuvor Drummer bei Slime] gibt aus diesem Grund konsequenterweise überhaupt keine Interviews mehr – weil es sich viele Leute doch sehr einfach machen mit Kategorien und Begriffen. Tatsächlich gibt es ja nicht so viele Bands, wo so unterschiedliche Generationen aufeinandertreffen, für unseren Teil würde ich aber mal behaupten, ist das eine gute Sache.

Jetzt habt Ihr nicht nur altersmäßig unterschiedliche Erfahrungen, sondern kennt qua Lebenslauf auch verschiedene Systeme, den Osten und den Westen vor und nach der Wende also. Auch da die Frage, ob sich die Jüngeren nicht einfacher tun, so ganz ohne Vorbehalte und passende Schablonen?
Gute Frage. Denn komischerweise behalten die Leute mit den Schablonen häufiger Recht (lacht) - zumindest ist das meine Erfahrung. Also hinderlich ist es auf keinen Fall, mehr zu wissen und zu kennen. Wenn jeweils jeder bereit ist, etwas anderes zuzulassen, man nicht stur auf dem eigenen Standpunkt beharrt und auch willens ist, Fehler zu erkennen und zuzugeben, dann kann eigentlich kein großer Schaden entstehen, dann ist das nur eine Bereicherung. Ronny [Ron Henseler] und Stephan haben sicherlich eine Menge mehr und anderes erlebt, nehmen das aber nie als absolutes Maß, sondern lassen sich gern auch vom Gegenteil überzeugen. Und genauso geht es uns Jüngeren in der Band, wir sagen ja auch nicht „Lass die Alten mal labern!“, sondern sind ihrer Sichtweise gegenüber aufgeschlossen, das ist eigentlich die beste Sache, die dir passieren kann.

Aus den unterschiedlichen Orten wie Hamburg, Berlin, Dresden und Zeiten kommen ja wegen der verschiedenen Erfahrungen sicher auch verschiedene Meinungen – ist der gemeinsame Nenner hier das wichtigste oder ist der Dissens auch förderlich?
Also der gemeinsame Nenner ist natürlich schon sehr wichtig, den muss man sich aber nicht ständig ins Gedächtnis rufen, der kommt von ganz allein. Wir sind ja von beiden Seiten durch Züge linker Politik geprägt. Und wenn wir dann doch über verschiedene Erlebnisse und auch Standpunkte sprechen, dann behauptet keiner von uns, das oder der eigene wäre das einzig Richtige – wie das ja leider oft in den Ost/West-Diskussionen vorkommt.



Zum Album und seinen Songs, Texten: Man liest von Euch, dass Ihr Erklärungen, Deutungen Eurer Arbeit eigentlich nicht so mögt?
Das ist so nicht ganz richtig. In der Zeit, in der ich Musik mache, habe ich gemerkt, dass man es nur auf zweierlei Weise machen kann – entweder man befasst sich sehr ausführlich damit oder man lässt es ganz bleiben. Auf der Bühne in dreißig Sekunden den Inhalt eines Songs zu thematisieren, kann nicht funktionieren, da hält man besser die Klappe. Anders ist es, wenn man wie hier die Zeit dazu hat, da macht es durchaus Sinn. Ich könnte locker zu jedem Stück der Platte zwanzig Minuten und mehr erzählen, aber der Rahmen muss halt passen, sonst wird man dem Ganzen nicht gerecht.

Täuscht der Eindruck, oder wollt Ihr mit dem Bandnamen und den einzelnen Titeln den Begriff „Osten“ bewusst weiter als bis zur deutschen Grenze fassen?
Unbedingt. Es ist ja bekannt, dass Hendrik [Rosenkranz] und ich uns im Rahmen der Osteuropa-Tour meiner anderen Band Dikloud getroffen haben, wir waren auch zuvor oft im Osten unterwegs, in der Ukraine, in Russland, Ungarn, Rumänien, und die Eindrücke dort spiegeln sich schon in meiner und jetzt auch unserer Musik wieder. Das ist jetzt zwar kein übergreifendes Konzept für unsere Band, da kann sich auch schnell etwas Anderes, Neues ergeben, aber es ist schon etwas, was uns umtreibt.

Eure Platte kommt allgemein sehr düster daher und spiegelt sehr offenkundig die Situation hier im Land und über die Grenzen hinaus. Mit fast dreißig Jahren im Rückspiegel – ist denn die deutsche Einheit tatsächlich schiefgelaufen?
Wenn man es als Ausgang im Kampf der Systeme betrachtet, ist das schon eine sehr interessante Sache, die mich sehr beschäftigt und auf die ich deshalb auch sehr gern antworte. Historisch gesehen ist die in Russland und anderen osteuropäischen Ländern entwickelte Idee von einem anderen Gesellschaftskonzept und die darauffolgende Umsetzung mehr als an die Wand gefahren. Wobei für mich nach wie vor die Idee selbst keine schlechte, sondern eine höchst demokratische war und ist. Das ändert nichts daran, dass das Prinzip der Mehrheitsentscheidung grundsätzlich das richtige ist, um Fehlentwicklungen in einer Gesellschaft frühzeitig zu korrigieren. Schwierig wird es immer dann, wenn die Mehrheit von einer Minderheit ausgeschlossen wird – ein Problem, das mir im real existierenden Sozialismus damaliger Prägung genauso begegnet ist wie im kapitalistischen Pendant. Und die Tragik bestand und besteht eigentlich darin, dass sich beide Systeme eigentlich ziemlich ähnlich waren und sind. Und deshalb die Enttäuschung nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems um so größer war, als man gemerkt hat, die Unterschiede sind gar nicht so groß wie gedacht.

Das ist doch genau der Punkt, wo Euer Song „Westen“ ansetzt?
Ja. Eigentümlicherweise haben viele in dieses Stück die Flüchtlingsthematik hineininterpretiert. Aber es geht hier vielmehr um unmittelbare, durchaus auch materielle Dinge, um das diffuse, sehnsüchtige Gefühl, nach dem Umbruch zu etwas Neuem zu gelangen und dann festzustellen, dass es dieses Neue gar nicht gibt, das also das Neue wieder fast das Alte ist. Diese Enttäuschung spiegelt der Song.

Ein anderes Stück – „Eisengesicht“ – beschreibt den verhärteten, fast schon entmenschlichten Blick eines frustrierten Losers, vielleicht auch Schlägers. Dennoch klingt im Text auch Mitleid, Mitgefühl an. Geht Euch das zu weit oder gibt es solche Momente?
Der Gedanke ist natürlich nachvollziehbar und richtig. Denn kein Mitleid mit diesen Menschen zu haben, das geht eigentlich nur aus dem Trotz der Vorstellung heraus, wie Menschen zu sein haben. Doch jeder Mensch ist eben genau so wie er ist. Ich habe früher zu meinen Punk-Zeiten weitaus wütendere Songs geschrieben, bin da aber heute viel zurückhaltender, weil es mir mittlerweile zu einfach scheint, sich schnell zum Richter aufzuschwingen. Ich fühle mich damit auch nicht mehr so gut. Diese Menschen, die ich da versuche zu umschreiben, sind ja häufig von Angst, Unsicherheit und Selbstzweifeln getrieben und das sollte man nie vergessen. Diese Leute funktionieren immer auf verschiedenen Ebenen und selbst wenn sie gewalttätig werden, dann ist das zwar nichts, was man einfach so hinnehmen sollte, aber man darf auch nicht aus dem Blick verlieren, wo sie herkommen, was sie in ihrem Leben erfahren haben. Man kann sich, auch wenn man eine Sache ablehnt, immer um Verständnis bemühen.



Auch in „Niemand“, einem weiteren Song der Platte, geht es um Ausgrenzung, Missverständnis, um die eigene Biografie, die plötzlich nichts mehr wert sein soll. Gibt es persönliche Erfahrungen, die da hineinspielen?
Da gibt es eine kleine Geschichte zu. Ich komme ja ursprünglich aus Weißwasser und mit dieser Stadt verbinden mich viele gute und schlechte, in jedem Falle aber sehr prägende Erinnerungen, sie hat mich, auch wenn ich später dort war, nie wirklich losgelassen. Vor ein paar Jahren war ich wieder dort, weil ich für ein Fotoprojekt Jugendliche fotografieren und interviewen wollte, was dann in eine Ausstellung münden sollte. Das ist dann leider nichts geworden, weil die Ausbeute zu gering war – viele der Arbeiten sind aber ins Booklet der Vinyl-Version des letzten Dikloud-Albums eingeflossen. Als ich aber damals durch die Stadt gegangen bin, habe ich einen Typen kennengelernt, der meinen verstorbenen Vater persönlich gekannt hat und ich bin dann tatsächlich lange mit ihm dagesessen, habe Wein aus dem Tetrapack getrunken und einfach nur zugehört. Würde man es böse meinen, dann waren das einfach nur ein paar Minuten mit einem traurigen Alkoholiker. Aber diese Begegnung, so zufällig sie war, hat mich sehr zu Nachdenken angeregt und berührt. Und daraus ist dann der Text zum Song entstanden.

Das Video dazu, mit all seinen zusammengeschnittenen Paradeszenen aus dem ostdeutschen Alltag, kann natürlich auch schnell missverstanden werden. Wie schwierig ist es dann, nicht die Ostalgiewelle zu reiten, eben nicht zu verklären, sondern bei der Wahrheit zu bleiben?
Die Gefahr sehe ich genauso. Aber zu diesem Thema fällt mir ein Zitat des Physikers Heinz von Foerster ein: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ Das Video hat ein Freund von uns [Felix Schmid] geschnitten, der über die Hintergründe des Songs, so wie ich sie jetzt erzählt habe, nichts wusste. Vielleicht hat er ganz andere Dinge empfunden beim Anhören als wir. Aber trotz des Risikos – und nichts liegt mir ferner, als die Vergangenheit zu glorifizieren – haben wir es dann so gelassen, weil wir die Bilder einfach passend fanden …

… wenn man dem Text zuhört, ist ein Missverständnis ohnehin schwer möglich, weil die Worte ja die Bilder brechen …
Absolut. Und das ist ja auch das Schöne, wenn aus dieser Mischung von Worten und Bildern, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen wollen, neue Gedanken, Anregungen entstehen – das ist immer eine Bereicherung.

Das Visuelle spielt bei Euch ohnehin auch eine große Rolle. Vier Videos zu vier Songs, alle sehr verschieden und jedes einzelne für sich genommen spannend. Am beeindruckendsten vielleicht der Clip zu „Osten“, die Brandbilder, die man mit Kriegsbildern assoziiert, das tanzende Kind – wie seid Ihr auf die Idee gekommen?
Das war tatsächlich ein großer Waldbrand in den USA, vor zwei oder drei Jahren von einem Typen mit einer Dashcam aufgenommen bei dem Versuch mit seinem Pick-Up da rauszukommen. Als ich die Bilder gesehen habe, dachte ich mir: ‘Das ist die Hölle, wäre ich ein Christ, dann würde ich mir so die Hölle vorstellen!‘ …

… aber man kommt irgendwie sofort auf den falschen Dampfer, sieht Krisengebiete im früheren Jugoslawien …
Genau. Und da sind wir ja wieder bei „Niemand“. Denn oberflächlich betrachtet ist das natürlich Krieg, nur sieht man keine einzige Waffe, keine Kämpfer. Alles läuft im Kopf ab und braucht keine zusätzlichen Erläuterungen, keine Hinweise.

Das Album als Ganzes ist etwas unbedingt Ernstes geworden, keine Ironie nirgends, keine Metaebenen, in denen man sich verstecken könnte, sondern alles dunkel, aber sehr klar?
Nichts liegt uns ferner, als Easy-Listening zu produzieren, das hört man überall, im Radio, im Netz, das langweilt nicht nur, das nervt richtig. Und diese angebliche Unschärfe, die mancher mit unseren Songs verbindet, die ist eben nicht da. Man braucht wirklich nur einen ganz kurzen Moment der Ruhe, und dann erschließt sich wirklich alles. Das geht natürlich nur dann, wenn du nicht dem Zwang unterworfen bist, damit Geld verdienen zu müssen, wenn du nicht bei jeder Idee überlegen musst, wie die Leute wohl damit umgehen. Wenn dir aber die Kunst, die Emanzipation wichtiger ist, dann hast du ungeahnte Möglichkeiten, das auszuschöpfen, dann bist du frei.

BELGRAD sind: Ron Henseler und Stephan Mahler (beide Hamburg), Leo Leopoldowitsch und Hendrik Rosenkranz (Dresden/Berlin), das Debütalbum „BELGRAD“ ist im September 2017 beim Label Zeitstrafe erschienen.

17.01.  Wiesbaden, Schlachthof
18.01.  Hannover, Lux
19.01.  Chemnitz, Atomino
20.01.  Hamburg, Prinzenbar
21.01.  Berlin, Berghain Kantine
23.01.  Trier, Ex-Haus
24.01.  Düsseldorf, Tube
25.01.  Karlsruhe, Substagecafé
26.01.  Köln, Stereo Wonderland
27.01.  Münster, Gleis 22
29.01.  München, Backstage
30.01.  Zürich, Dynamo
31.01.  Stuttgart, Juha West
01.02.  Oberhausen, Druckluft
02.02.  Leipzig, Neues Schauspiel
03.02.  Dresden, Scheune

Tropic Harbour: Wie erhofft

Mitten im Winter einem Namen wie Tropic Harbour zu folgen, ist vielleicht nicht die schlechteste Entscheidung für's dauerhaft unterkühlte Befinden. Noch dazu wenn die Musik, die sich dahinter verbirgt, auch so tropisch und entspannt klingt, wie man sich das vorstellen will. Hinter dem Projekt steckt im Übrigen der Kanadier Mark Berg, der schon eine Reihe von hübschen Songs und EP abgeliefert hat. Ebenso hübsch wie die besagte aktuelle Single "Can't Pretend" (und die beigefügte, ältere Single "New Life").