Mittwoch, 22. Februar 2017

Summer Moon: Momentaufnahme

Summer Moon
„With You Tonight“

(Membran)

Wer die New Yorker Indietruppe The Strokes vom Start weg eher als bessere Begleitband des talentierten Mr. Casablancas wahrgenommen hatte, der durfte sich in den letzte Jahren schon einige Male verwundert Augen und Ohren reiben. Nach und nach starteten nämlich nicht nur der Bandleader himself, sondern auch fast das ganze Begleitpersonal erstaunlich erfolgreiche Zweitkarrieren – Nick Valensi, Albert Hammond jr. und Fabrizio Moretti erwiesen sich als ebenso begnadete Musiker wie der Schlacks am Mikro und nun, da Nikolai Fraiture mit Summer Moon den Reigen komplett macht, muß man anerkennen: Die als wahllos zusammengewürfelter Haufen verzogenen Berufssöhne verschriene Kapelle erweist sich einmal mehr als musikalischer Think Tank und weil auch bei Summer Moon der Begriff fallen wird, stellen wir ein für allemal fest, daß die wahre Supergroup The Strokes selbst sind. Natürlich hat auch Fraiture die Arbeit nicht ganz allein vollbracht, man liest von Stephen Perkins (Jane‘s Addiction), Camila Grey (Uh Huh Her) und Noah Harmon (The Airborne Toxic Event), dennoch stammt das bewundernswerte Grundgerüst der Platte aus dem  heimischen Notebook des Bassisten. Und dieses folgt der so simplen wie erfolgreichen Regel: Ich probiere, was mir Spaß macht und dann schauen wir mal, wie es denen da draußen so gefällt.

Hört man sich an, was der Mann so an Stilen auf dem Debüt zusammenwürfelt, dann muß er sich in seinem Hauptberuf doch schon ziemlich gelangweilt haben. Denn „With You Tonight“ erweist sich als randvoll gefüllte Wundertüte: Schnodrigger Post-Punk hier, für den mal eben schnell ein paar Drum-Parts bei Joy Division und die Gitarren bei New Order gemopst werden („Happenin‘“), entspannt wippender Dancepop mit extrafeinem und –fettem Synthloop („With You Tonight“), die 60’s gewippt, die 90’s gerockt und dann, in der Mitte, mit „Chemical Solution“ ein wirklich unglaublicher, verschwurbelter Überohrwurm, so großartig, daß der Rest fast schon egal ist. Schlechter wird es aber nicht, Fraiture hält die Linie. Und auch wenn die Texte nicht die tiefgängigsten sind, schillern selbst die „Girls On Bikes“ verführerisch in der tiefstehenden Abendsonne. Der Coolness-Faktor der Platte ist nicht nur aufgrund der Personalien im oberen Drittel angesiedelt, Summer Moon schaffen es tatsächlich, die knapp fünfunddreißig Minuten zum äußerst lässigen Ereignis zu machen. Für die Ewigkeit ist das nicht unbedingt gemacht, doch wer braucht die schon, wenn sich der Moment so gut anfühlt? http://www.summermoonband.com/

Methyl Ethel: Auf ein Tänzchen mit den Hipstern [Update]

Mit Superlativen sollte man zwar haushalten, diese Band hier hat aber definitiv ein paar davon verdient: Methyl Ethel aus Perth sehen zwar ziemlich verhipstert aus, machen aber definitiv verteufelt gute Tanzmusik. Am 3. März soll bei 4AD ihr zweites Album "Everything Is Forgotten" erscheinen und dem Debüt "Oh Inhuman Spectacle" folgen, nach der ersten Vorabsingle "No.28" kommt nun "Ubu" hinterher - wer dabei sitzen bleibt, sollte sich schnellstmöglich ernsthaft untersuchen lassen.

13.03.  Hamburg, Molotow
14.03.  Berlin, Kantine Berghain

Update: Und noch so ein wunderlicher Song, der einen sofort hat und auf Großes hoffen läßt - hier kommt "L'Heure des Socières".





Bryde: Unverändert

Zweimal haben wir Sarah Howells aka. Bryde hier schon begrüßen dürfen: Zunächst tauchte die ehemalige Sängerin der Paper Aeroplanes vor knapp einem Jahr mit den Stücken "Help Yourself" und "Wait" auf, im Herbst des gleichen Jahren waren es dann "Honey" und "Wouldn't That Make Your Feel Good" von ihrer aktuellen EP, mit denen sie für Aufsehen sorgte. Heute nun also der erste neue Song im laufenden Jahr, auch "Less" rockt anständig und zeigt ihre anhaltende Vorliebe für aufgerauhte Gitarrensongs Marke PJ Harvey, gepaart mit dem Feingefühl einer Angel Olsen.

At The Drive-In: Tatsache

Die Hoffnung war also doch nicht umsonst: Als Anfang Dezember des vergangenen Jahres At The Drive-In mit dem bislang unbekannten Song "Governed By Contagions" kamen, traute man sich kaum, auf mehr zu hoffen, nun wird es, soviel ist sicher, sogar ein ganzes Album geben. "in.ter a.li.a", so der Titel, wird ab dem 5. Mai beim Händler stehen und "Incurably Innocent" ist die nächste Single davon - einer von elf brandneuen Tracks wohlbemerkt.

British Sea Power: Nächster Versuch

Neues Material gibt es von British Sea Power aus Brighton, der Stadt an den Ufern des Ärmelkanals. Auf den 31. März ist ja bekanntlich das neue Album "Let The Dancers Inherit The Party" terminiert und von selbigem gab es auch schon die erste Single "Bad Bohemian" zu hören - nun folgt "Keep On Trying (Sechs Freunde)" - der nächste Versuch also. Und wer das alles ganz bezaubernd findet, hat im Mai endlich wieder Gelegenheit auf einen Konzertbesuch.

18.05.  Hamburg, Molotow
19.05.  Berlin, Privatclub
23.05.  Zürich, Dynamo
24.05.  München, Strom
25.05.  Köln, Gebäude 9

Diet Cig: Keine Magenschmerzen [Update]

Und wieder ein Debüt, auf das man sich schon längere Zeit freut und das nun endlich in die Puschen kommt: Diet Cig, das New Yorker Duo aus Alex Luciano und Noah Bowman, hat nach einigen Vorabsongs und EP nun endlich seinen Erstling "Swear I'm Good At This" angekündigt - die Platte soll am 7. April via Frenchkiss Records erscheinen und mit "Tummy Ache" ist auch tatsächlich gleich ein brandneuer Song davon verfügbar. Und nein, Magenschmerzen muß man dabei weiß Gott nicht bekommen.

Update: Hier nun auch das Video zum Song - Regie von Robert Kolodny.



Ride: Charmeoffensive

Wer heute Shoegazing sagt, muß auch von früher reden - und das meint im besonderen das geniale Pärchen Mark Gardener und Andy Bell von Ride, deren Werke "Going Blank Again" und "Nowhere" den Kanon relevanter Werke dieses Genres entscheidend mitbestimmen. Live waren die Herren ja schon geraume Zeit wieder unterwegs, Gerüchte um eine vollständige Wiederaufnahme der Geschäfte machten denn auch schon seit längerem die Runde. Nun folgt endlich der Ankündigung eines neuen Albums, produziert von Alan Moulder und Erol Alkan, nach zwanzig Jahren ein erster Song mit dem Titel "Charm Assault" - die neue Platte soll im Sommer bei Wichita Recordings erscheinen.

Dienstag, 21. Februar 2017

Dude York: Ungeschminkt

Dude York
„Sincerly“

(Hardly Art)

 „Something In The Way“ von einer Band aus Seattle – war da nicht was? Klingt gut, ist aber zu kurz gedacht. Denn besagter Song von Nirvana ist ein schlappes Vierteljahrhundert alt, Kurt Cobain hätte – wenn nicht ein Gewehrlauf dazwischengekommen wäre – gerade seinen Fünfzigsten gefeiert und Peter Richards, Claire England und Andrew Hall könnten rein rechnerisch als seine Kinder durchgehen. Wird also nichts aus der Pointe. Auch wenn Dude York durchaus das eine oder andere Grunge-Riff im Programm haben (hierfür bitte den Opener “Black Jack” schön laut aufdrehen), sind sie von den einstigen Helden doch ein ganzes Stück entfernt. “Sincerely” ist das dritte Album des Trios und auch auf diesem geht es ordentlich zur Sache. Die Gitarren scheppern mächtig, wie es sich für zünftigen Garagenpunk gehört und es ist sicher nicht von Nachteil gewesen, daß die drei ihr Baby dem Meistermacher John Goodmanson zur Nachbearbeitung in die Hände gegeben haben, schließlich hat der schon Sleater-Kinney, Bikini Kill, Ceremony oder dem Wu-Tang Clan in die Spur geholfen.

“If you fear, or feel afraid, if you find satisfaction from getting paid, throw both of your hands up, you’ve just been made, you were born different and meant to be that way”, heißt es ganz zu Beginn und genau darum dreht es sich in vielen Stücken des Albums: Selbstfindung, Selbstverständnis, Selbstbehauptung. Und das ist, wie man sich denken kann, in dem Alter nicht immer einfach. In „Live Worth Living Pt. 2“ singt Richards davon, wie schwer es ist, den Glauben an den Sinn des Lebens zu bewahren, wenn um dich herum alles am Zweifeln ist, die Neinsager in der Mehrheit sind, „The Way I Feel“ wiederum erzählt von physischen Problemen und den Versuchen, damit klarzukommen. Nichts ist einfach hier. Auch die beiden Titel, die Claire England beisteuert – sie singt erstmals selbst – sind nicht ohne Bitternis: „Tonight“, ein klassischer Break-Up-Song mit wunderbar harschen Schlußakkorden, „Love Is“ wenig später als vergiftetes Liebesbekenntnis, „from the screaming to the silence, yeah it’s toxic but I’ll dive in, I can’t help it, if I like him and that’s all that love is.“ Vielleicht keine unglaubliche, aber eine unglaublich ehrliche Platte. Und deshalb irgendwie besonders. https://dudeyork.bandcamp.com/

Spoon: Nachsitzen

Das passt ja bestens zusammen: Gerade kommt ein neuer Clip von Spoon um die Ecke und passenderweise wird er von drei Liveterminen der Band im Sommer flankiert. Den Titelsong des Albums "Hot Thoughts" hatten wir ja schon und auch "Can I Sit Next To You" ist mit dem typisch trockenen Swing der Jungs ausgestattet - so kann's weiter gehen.

17.06.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
18.06.  Mannheim, Maifeld Derby
19.06.  München, Technikum
20.06.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
03.07.  Köln, Gloria Theater

Montag, 20. Februar 2017

Clap Your Hands Say Yeah: Im Cockpit

Clap Your Hands Say Yeah
„The Tourist“

(Cyhsy)

Man wollte es ja nicht glauben, aber Alec Ounsworth hat das Songwriting nicht verlernt und versammelt auf seinem aktuellen, mittlerweile fünften Album tatsächlich eine Reihe wirklich feiner, eingängiger Popsongs, die man am besten – im Deutschen fehlt es da leider an der passenden Vokabel – mit dem englischen Begriff “catchy” umschreibt. Clap Your Hands Say Yeah sind im Jahr 2005 noch als Fünfmann-Kollektiv in der Tradition eher anspruchsvoller, amerikanischer Indierockbands wie Death Cab For Cutie und The Shins gestartet, nach dem fulminanten, selbstbetitelten Debüt ging Ounsworth allerdings nach und nach das komplette Personal von der Fahne. Dem Vernehmen nach nahm der mutmaßlich recht schwierige Musiker aus Philadelphia das letzte Werk “Only Run” mehr oder weniger allein auf – einziger treuer Begleiter war sein Produzent Dave Fridmann. Dieser stand ihm auch jetzt für “The Tourist” zur Seite, ebenso am Bass Matt Wong und gemeinsam haben sie eine überraschend stimmige Platte zustande gebracht. Die manchmal etwas quengelige Stimme von Ounsworth gehört ja mittlerweile zum festen Inventar, dazu gibt es schön verschlungene Melodien und ein paar bezaubernde Gitarrenakkorde. Stücke wie der Opener “The Pilot”, wo einen eine warme Bassline sanft an der Hand nimmt und durch den Song begleitet, aber auch “Down (Is Where I WanT To Be)” und “Better Off” haben das Zeug zur Hitsingle. Manchmal ruckelt es etwas, bei “The Vanity of Trying” gehen ihm mal kurz die Art-Rock-Pferde durch, aber alles in allem ist es doch ein erfreulich eigenständiges Werk. “I am a relatively solitary person and seem to work best alone,” bekennt Ounsworth freimütig, “I do count on others to help the project as the process of making and releasing an album moves forward, but if it doesn’t match what I have in mind, it’s hard for me to really be there for it.“ Mit anderen Worten und den Faden des Einstiegs aufnehmend – man muß sich entscheiden, ob man der Tourist oder der Pilot sein will im Leben. Der Mann hat seinen Platz gewählt und bestimmt selbst, wo’s lang geht. http://cyhsy.com/

25.09.  Berlin, Berghain Kantine
27.09.  Salzburg, Rockhouse
28.09.  Wien, Waves Festival
29.09.  Zürich, Bogen F
30.09.  Fribourg, FRI-Son

Sonntag, 19. Februar 2017

Chick Quest: Von wegen Wellenreiter

Eine Band aus dem Nachbarland, noch dazu aus Wien, die mal nicht mit morbidem Charme, Schmäh und Exaltiertheit hausieren geht - man hat ganz vergessen, daß es neben Bilderbuch, Wanda, Granada und Voodoo Jürgens noch Musiker gibt, die nicht auf Mundart machen und dennoch erfolgreich sein können. Chick Quest haben im vergangenen Jahr ihr Debüt "Vs. Galore" veröffentlicht und dafür in den einschlägigen Magazinen und Portalen viel Befall bekommen. Nun steht für kommende Woche der Nachfolger "Model View Controller" ins Haus - Ryan White (Gesang/Gitarre), Iris Rauh (Drums), Marcus Racz (Trompete, Keyboards) und Magdalena Kraev (Bass) sind dabei ihrem eigenwilligen Stil, einer Mischung aus Spaghetti-Western, Post-Punk und Art-Rock, treu geblieben, zu den beiden bislang bekannten Vorabsongs "Savant Garde" und "Down In A Crypt", hier als Video, ist gerade das dritte Stück "Exit Strategy" erschienen, am Freitag dann der komplette Rest.





Der Ringer: Allein gelassen

Der Ringer
Support: Erregung öffentlicher Erregung
Orangehouse, München, 18. Februar 2017

Am späten Nachmittag twitterte die Münchner Polizei, gerade habe sie aus Anlass der Sicherheitskonferenz in der Fußgängerzone eine Menschenkette mit dreihundert Teilnehmern aufgelöst. Man weiß jetzt nicht so recht, wie ironisch der Tweet gemeint war, die Ordnungshüter haben ja in letzter Zeit beim lockeren Umgang mit sozialen Netzwerken einiges dazugelernt, außerdem kennt München tatsächlich aus der jüngeren Geschichte beeindruckendere Demonstrationszüge. Traurig ist es allemal. Traurig auch, daß die Hamburger Band Der Ringer ihr Konzert am gleichen Abend im Feierwerk nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen musste, obwohl von einem Sicherheitsrisiko nichts bekannt war und keine Ultragruppierung zuvor beleidigende Spruchbänder aufgehängt, geschweigedenn Eltern und Kindern körperliche Gewalt angedroht hatte, die eine großzügige Absperrung des Areals notwendig machten. Schade auch deshalb, weil das Debütalbum der fünf ein wirklich gutes ist.



"Soft Kill" vereinigt sphärische, elektronische Klänge des Spacepop und Post-Punk mit wütendem Gitarrenkrach, die Texte verhandeln die Existenzangst, Orientierungslosigkeit und das Gefühlschaos junger Menschen, die sich oft allein gelassen wähnen und hilflos agieren angesichts der scheinbaren Fülle von Möglichkeiten, die ihnen virtuelle Welten bieten. "Orbit", "Apparat", "Violence" und "Ohnmacht" - allesamt Teile des Soundtracks unerfüllter Hoffnungen, möglicher Lebensträume am Ende der Adoleszenz. Sänger Jannik Schneider unterstreicht die Unentschiedenheit und den Wankelmut seiner Generation durch seine ungelenke Gestik, verloren taumelt er im blaukühlen Scheinwerferlicht, schreit seinen Unmut heraus und fällt am Ende gar auf die Knie: "Ein Tunnelblick, Kontrollverlust, ich habe Angst, dessen bin ich mir bewusst. Was spricht dagegen, ohnmächtig zu sein, nichts zu spüren muss doch schön sein. Ohnmacht - du zwingst mich in die Knie, Ohnmacht - so mächtig warst du nie." Nicht ganz die Worte, um aufgeregte Gemüter zu beruhigen, ein paar Zuhörer mehr hätte man ihnen dennoch gern gewünscht.

Samstag, 18. Februar 2017

Lambchop: Zauberkasten [Update]

Lambchop
Kammerspiele, München, 15. Februar 2017

Der erste Dank geht an selbstverständlich an die Musiker, der zweite dann schon ans Haus. Man will ja einen solchen Abend nicht neben rempelnden Dauerquatschern mit Smartphone und Plastikbierbecher im Anschlag in einer dieser zugigen Mehrzweckhallen verbringen, deren einzige Bestimmung darin besteht, möglichst viele Menschen unter maximalem Lärmpegel zu versammeln. Tontechniker, die solche akustischen Höllenorte auszusteuern vermögen sind so selten wie Großhirn bei Breitbärten. Dennoch konnte man froh sein, daß die Münchner Kammerspiele nicht über bequemere Sitzmöbel verfügen, anderenfalls wäre man während des Konzertes am gestrigen Abend in allergrößter Zufriedenheit weggedämmert – tags drauf hätte der Boulevard dann auf Drogenhappening oder Massenhypnose tippen können. Nein, es waren nur Kurt Wagner und seine formidable Countrykombo Lambchop, die in intimer Theateratmosphäre auf Promotiontour vorbeigeschaut haben.

Der Sound der Formation aus Nashville ist ja wie gemacht für samtbezogenes Gestühl und Theaterbühne, vor Jahren gastierte die Band schon zu einem ebenfalls denkwürdigen Auftritt im Amerika-Haus, wen man heute davon erzählen hört, dem steht ein selten seliger Ausdruck ins Gesicht geschrieben. Der Unterschied: Die Gruppe ist ungefähr auf ein Drittel geschrumpft, Vorband wird keine gebraucht und – markanteste Änderung – Gemütsmensch Wagner setzt nun auf ein kleines Maschinchen, das er auf einem Klappstuhl vor sich platziert hat und das warme, tiefe Timbre seiner Stimme auf sehr zeitgemäße Art verfremdet, Hilfswort: Autotune. Frank Ocean macht das, Kendrick Lamar ebenfalls und Wagner hat auf dem neuen Album „FLOTUS“ ebenfalls sehr großen Gefallen daran gefunden. Natürlich ist das selbst für alternativen Country eine mehr als marginale Neuerung, hinzu kommen ja noch reichlich geloopte, elektronische Versatzstücke, die der Mann aus seinem Zauberkasten holt und so den Großteil der neuen Stücke präsentiert.

Gemeinsam mit Piano, Bass, behutsamem Schlagwerk und ab und an einer gezupften Gitarre wird daraus der gewohnt ausgeklügelte, raumgreifende Sound dieses bewunderswerten Klangkörpers. Fast das komplette aktuelle Album, jedes Stück gefühlte dreißig Minuten lang, wird aufgeführt, hinzu kommen einige ältere Stücke von nicht weniger gelungenen Vorgängern wie „Mr. M“ oder „Is A Woman“, alles in allem ein Hochgenuß, den man in dieser Vielschichtigkeit und Konzentration nur vom Jazz oder der klassischen Musik kennt. Oder eben von Lambchop. Daß der eher wortkarge Wagner den Part des Entertainers an seinen Pianisten delegiert, ist auch kein Schaden, so erfährt man (neben dem obligatorischen Trump-Witz) wenigstens, daß der auf den ganzen elektronischen Firlefanz eigentlich überhaupt keine Lust hat und die Frau am Merchandising-Stand einen nachträglichen Besuch wert ist. Gesagt, getan, er hatte Recht. Und selbst bei der ungewohnt lauen Winternacht, die einen vor der Tür erwartet, mag man nun nicht mehr an Zufall glauben...

Update: Gerade im Netz unterwegs ist Clip und Mitschnitt von einem exklusiven Lambchop-Auftritt aus dem vergangenen Jahr in Köln (Weekend-Festival), bei dem sich lokale Elektrokünstler wie Söhnlein Brilliant, Colorist und Retrogott zusammen mit Kurt Wagner an eine Reinterpretation von "FLOTUS" wagten - Dank an Stereogum für den Tip.



Tracklist:
Kurt Wagner – “Howe”
Gregor Schwellenbach – “JFK”
Gregor Schwellenbach – “Directions To The Can”
Söhnlein Brilliant – “Harbor Country”
Söhnlein Brilliant – “Writer”
Colorist – “Relatives #2″
Colorist – “NIV”
Retrogott – “In Care Of 8675309″
Twit One – “Flotus”
Philipp Janzen, Marvin Horsch und Gregor Schwellenbach – “Old Masters”
Philipp Janzen und Marvin Horsch – “The Hustle”

Middle Kids: Rasanter Aufstieg

Wieder mal was aus der Rubrik "Besser spät als nie": Bei der Recherche zum neuen, unbestreitbar großartigen Album "Prisoner" von Ryan Adams stößt man fast zwangsläufig auf das australische Trio Middle Kids. Denn auch Adams selbst sind die drei vor einiger Zeit äußerst positiv aufgefallen und so begleiten sie ihn bald auf einer Reihe seiner Auftritte. Gut, daß er sie jetzt gebucht hat, denn wenn die Band weiterhin so erstklassige Musik macht wie auf ihrer gerade erschienenen, selbstbetitelten EP, dann sollte es bald verdammt schwer werden, sie noch als Support zu verkaufen, es dürfte dann schon der Headliner sein. Alle sechs Stücke der 12" sind feinster Countryrock, Hannah Joy, Tim Fitz und Harry Day schaffen es, die Zuhörer mit Schmelz und Melancholie zu packen, süßlich wird es aber trotzdem nicht und auch die Gitarren knirschen recht anständig und deutlich oberhalb des 0815-Levels. An Erfahrung mangelt es den dreien nicht, Joy und Fitz haben sich zuvor solistisch ausprobiert und Day spielte bis vor kurzem bei der Formation Beaten Bodies. In der jetzigen Konstellation sollte jedoch, darf man vermuten, das größte Potential liegen, der Gastauftritt in der Late-Night bei Conan O'Brien, eine Grußadresse von Elton John, Dauerrotation im College-Radio - viel besser kann es momentan nicht laufen für die Mittelklassekinder. Anbei mit "Never Start", "Edge Of Town" und "Your Love" drei der Songs der besagten EP im Videoclip, den Rest kann man sich entweder bei Spotify oder Stereogum anhören.





Gurr: Mit Ansage [Update]

Gurr
„In My Head“

(Duchess Box Records)

Sieht ganz so aus, als hätten es die beiden geschafft. Wenn man als deutscher Künstler noch vor der Veröffentlichung des Debüts zum Gesprächthema der englischen und amerikanischen Webportale wird, die nur den heißesten Scheiß in die Auslage stellen, wenn man eine Einladung zum legendären SXSW nach Texas bekommt und für die nächsten Monate schon fest für UK verbucht ist, dann kann an dem, wofür Andreya Casablanca und Laura Lee Jenkins als Garagenpop-Duo Gurr stehen, nicht so viel verkehrt sein. Musik machen die beiden Freundinnen ja schon seit mehr als vier Jahren, außerhalb ihrer Wahlheimatstadt Berlin sind sie gewissenhaften Perlentauchern spätestens seit der EP “Furry Dream” ein Begriff und auch wenn der von ihnen scherzhaft benannte “Gurrlcore” von Bands wie Bikini Kill oder Le Tigre (motor.de) schon noch ein paar Takte entfernt ist, hebt sich “In My Head” doch angenehm vom glattgebügelten Standardformat ab. Zu den beiden bislang bekannten Singles “Moby Dick” und “Walnut/Walnuss” gesellen sich hier neun weitere Stücke lässiger Indierockness – ansprechend bratzige Bluesgitarren, dem Surfsound der 60er auch nicht abgeneigt und mit Melodien verbastelt, die denen ihrer Idole Warpaint nicht unähnlich sind. Dass sich die beiden ihre Band mit einem Namen schmücken, obwohl wenigstens eine von ihnen eine (durchaus nachvollziehbare) Taubenphobie hat, entspringt wohl einem sehr speziellen Humor. Selbigen hört man im Übrigen auch schon bei den frühen Songs des Duos heraus, unvergessen hier die fabelhaft böse Textzeile “Joseph Gordon-Levitt, don't you worry you don't have cancer, Joseph Gordon-Levitt don't you worry it's just the make-up” über die aus ihrer Sicht mangelhafte Leistung des Schauspielers im Film “50/50”. Die Texte der aktuellen Stücke sind da etwas weniger bissig, hier geht es eher um so traurige Dinge wie den Verlust nahestehender Menschen (“Yosemite”), ein Leben ohne Halt (“#1985”) und die Liebe in den Zeiten der Parallelwelten von Tinder und Chatrooms ("Computer Love"). Trotzdem bleibt’s dabei: Es wäre wirklich mehr als verwunderlich, wenn das kein Senkrechtstart mit Ansage wird.

23.11.  Ludwigshafen, Kulturzentrum dasHaus
24.11.  Zürich, The Gonzo Club
28.11.  Berlin, Kantine am Berghain

Update: Nachzügler zur rechten Zeit - "#1985" jetzt mit Video und dem weltberühmten Instagram-Künstler @andifishfish.



Freitag, 17. Februar 2017

Hiva Oa: Verstörend schön

Man nennt das dann wohl Diskrepanz, aber vielleicht können einem das die beiden gelegentlich mal erklären: Hiva Oa ist der Name einer traumhaften Insellandschaft Marke Postertapete im südöstlichen Pazifik, einem Ort also, wo man unbedingt und sofort hinwill und der eng mit dem Werk und der Biografie des Malers Paul Gaugin verknüpft ist. Hiva Oa ist aber auch der Name eines Bandprojektes von Stephen Houlihan und Christine Tubridy aus Belfast, die einen Sound fabrizieren, der mit Palmen und Sandstrand nur schwer zu assoziieren ist und von dem man trotzdem nur schwer wegkommt. Hin- und hergerissen ist demnach eine mögliche Überschrift für diesen elektronischen Noise der leidenschaftlichen Sorte. Das Duo hat vor einigen Monaten eine EP mit dem Titel "mkII (Part 1)" veröffentlicht, für den 7. April ist nun das Erscheinen von "mkII (Part 2)" terminiert und die erste Single "So Many Lies" knirscht und kracht schon mal ziemlich heftig. Und schön.

Dutch Uncles: Flummy mit Schluckauf

Dutch Uncles
„Big Balloon“

(Memphis Industries)

Geschwindigkeit scheint im Leben der Dutch Uncles eine wichtige Rolle zu spielen, nicht umsonst ließen sie sich im Video zum Titelsong ihrer aktuellen Platte beim Besuch eines Crashcar-Rennens ablichten. Fünf Alben in acht Jahren, die Jungs sind also auch bei der Arbeit so schnell wie sie auf “Big Balloon” klingen, Tanzmusik für Tempo-Maniacs, zehn aufgekratze, atemlose Songs als Stilmix aus Post-Punk, Indiepop und Funk. Sie haben ja 2008 deutlich dunkler begonnen, damals noch ausgewiesene Fans von Interpol und The Smiths, mittlerweile geht es weitaus lebendiger und verspielter zu. Duncan Wallis Stimme erinnert mit ihrer androgynen Färbung noch immer stark an Alexis Taylor und Hot Chip, die federnden, zackigen Gitarren wiederum an Franz Ferdinand. Glaubt man den vieren, dann wird dies das letzte Werk mit einem solchen Sound sein – der Nachfolger soll dann mit der bisherigen Linie brechen und etwas vollkommen Neues bringen. Bis es soweit ist, sollte man den so aufgeregten wie aufregenden Beat von Hitsingles wie “Baskin’”, “Streetlight” und “Oh Yeah” auf keinen Fall verpassen. Daß ein Song des Albums tatsächlich “Hiccup” heißt, trifft im Übrigen den Nagel auf den Kopf, eine weitere Pointe ist Duncan Wallis bei der Beantwortung der Frage gelungen, wie er denn einem gänzlich Unwissenden den Stil seiner Band erklären wollte: „I would simply say that after five albums we almost sound like our name suggests“ – viel mehr Weisheit läßt sich in einem Satz kaum unterbringen, Chapeau! http://dutchuncles.co.uk/

Rodes Rollins: Weit gereist [Update]

Und wo wir gerade bei der Abteilung "Popfeinkost" sind: Rodes Rollins stammt ursprünglich aus Colorado, verbrachte einige Zeit ihres noch jungen Lebens in Buenos Aires, Argentinien und lebt nun wahlweise in New York und Los Angeles. Von dort kennt sie sicher auch Stella Mozgawa, Drummerin der All-Girl-Kombo Warpaint, die ihr auf der bezaubernden neuen Single "Young And Thriving" an den Sticks zur Seite steht. Produziert wurde der Song von Alex Goose (Weezer), bald wird ihm die EP "Young Adult" folgen.

Update: Viel mehr als diese Aktualisierung haben wir leider noch nicht, aber wenigstens den neuen Song "Wes Come Back" - Ähnliches darf 2017 gern folgen. Und genau das tut es jetzt - hier ist die neue EP in voller Länge.

Pumarosa: Nägel mit Köpfen

Jetzt kommen sie wohl nicht mehr aus - und wir in den Genuß eines kompletten Albums: Pumarosa, sehr empfehlenswertes Londoner Post-Punk-Quintett um Sängerin Isabel Munoz-Newsome, machen endlich Nägel mit Köpfen und werden am 19. Mai bei Fiction Records ihr Debütalbum "The Witch" herausbringen - zuletzt war hier ja der Track "Honey" zu hören und zu sehen, heute nun gesellt "Dragonfly" im Stream dazu.

24.04.  Berlin, Badehaus Szimpla
26.04.  Hamburg, Prinzenbar

Hater: Schöne Versuche

Jetzt wird es dann doch mal Zeit, ein paar Worte zur schwedischen Band Hater zu verlieren: Auch wenn der Name des Quartetts aus Malmö weniger einladend klingt und eher auf grimmigen Punk oder Metal schließen läßt, Caroline Landahl, Måns Leonartsson, Adam Agace und Lukas Thomasson machen eigentlich wunderbar eingängigen Indiepop und nach der ersten EP "Radius" aus dem vergangenen Jahr ist für den 10. März endlich ihr Debütalbum "You Tried" via PNKSLM angekündigt. Davon waren bislang die Stücke "Mental Haven" und "Had It All" bekannt, nun kommt mit "Cry Later" Single Nummer drei daher, ebenso schön, ebenso vielversprechend.