Freitag, 25. Mai 2018

Chvrches: Gar zu einfach

Chvrches
„Love Is Dead“

(Vertigo Berlin)

Ist es das, was man die Trennung von Werk und Person nennt? Was man sich also im Falle Kevin Spacey so dringlich wünscht, weil er so grandiose Filme gedreht hat, die ja nicht schlechter werden, weil er einmal verdammten Bockmist gebaut hat? Nein, ganz so klar ist hier die Linie nicht zu ziehen, bei den Chvrches ist der Kontext ein anderer. Grundsätzlich einmal ist Lauren Mayberry eine bemerkenswerte Künstlerin, der man auch dann gern zuhört, wenn sie gerade keines ihrer Liedchen trällert. Sie bezieht klare Positionen, vertritt respektable Ansichten und ist in Sachen Geschlechterdebatte und politischer Meinungsbildung eine von denen, die den Mund aufmachen, Stellung beziehen, deutlich werden. Erst vor Tagen hat sie dem Onlineportal FADER ein Interview gegeben, aus dem man nur eine Passage zitieren muss, um die vorangegangene Würdigung zu unterstreichen: „Somebody said to me …, ‘You should be pleased there's a female Prime Minister [Theresa May] because that's feminism at work.‘ Just because somebody walked into Downing Street and had a vagina, doesn't mean they're making decisions that benefit women in any way. Margaret Thatcher was a lady. I suppose she was a woman in a man's world, but that's about the only nice thing I have to say.“ Word.

Warum diese lange Einleitung? Nun, die Musik auf der neuen, mittlerweile dritten Platte des Trios aus Glasgow kann sich die Anerkennung, die man der Frontfrau gern spendet, leider schwerlich verdienen. Und das wiederum ist etwas traurig. Es hatte sich nach Vorlage der zweiten Platte „Every Open Eye“ bereits angedeutet, schon diese schien wie eine verlängerte Ausgabe des Debüts geraten, wenig neue Ideen, kaum eine Entwicklung erkennbar. Über „Love Is Dead“ läßt sich nun leider auch nichts Besseres sagen, die Entscheidung, Greg Kurstin an Instrumente und Regler zu lassen, hat da keine hörbare Änderung gebracht, selbst wenn der Mann schon mit Adele, Pink, Lily Allen, Peaches, Sia und wer weiß wem noch das Studio teilte. Meistenteils präsentieren sich die neuen Stücke als jubilierende, eng verdichtete (alternativ: überfrachtete) Synthetiktracks – tanzbar, keine Frage, aber eben auch ziemlich glatt poliert und zum Verwechseln ähnlich. Mehr als drei Ausnahmen von dieser Regel lassen sich dabei nicht finden.



„My Enemy“ zusammen mit Matt Berninger (The National) profitiert (als Duett-Premiere) vom Gast mit dem dunklen Timbre und wirkt nicht ganz so aufgepitcht, „Miracle“, von der Band als einziger Titel mit britischer Prägung bezeichnet, hört man an, dass Kurstin hier ausnahmsweise nicht verantwortlich war – es wird schräg, verzerrt, eben anders. Und auch der gewohnte Wechsel am Mikrophon tut dem Album gut, Martin Doherty macht aus „God’s Plan“ ein düster pulsierendes Technostück, von dem man sich gerne anstecken läßt. Der Rest wirkt leider etwas beliebig, da ist es dann auch wenig hilfreich, daß Mayberry viele ihrer politischen Nadelstiche und Erkenntnisse im Subtext der Songs versteckt, so rechte Freude will bei der Sinnsuche nicht mehr aufkommen. Gewiß, es gibt weitaus schlechteren Dancepop auf diesem Planeten zu hören, die Diskrepanz zwischen inhaltlichem Anspruch, den die drei erfreulich oft äußern und der, nennen wir sie mal musikalischen Darreichungsform, ist zu groß, als dass man darüber hinwegsehen könnte. Hier wieder vermehrt Spannung, Kantigkeit, Reibung zu erzeugen, könnte ein hoffnungsvoller Ansatz für Album Nummer vier sein. https://chvrch.es/

06.11.  Köln, Live Music Hall
07.11.  Berlin, Tempodrom
15.11.  Lausanne, Les Docks

GURR: Das perfekte Alibi

Klar ist der erste Gedanke, der einem bei "Hot Summer" in den Kopf schießt, ein sonniger. Erst nach ein paar Zeilen wird klar, dass Andreya Casablanca und Laura Lee aka. GURR hier nicht den überschäumenden Frohsinn abfeiern, sondern ihr Plädoyer für schattige Zurückgezogenheit und eben gegen das Diktat vom "Alles muß raus!" singen. Das perfekte Alibi also, sich auch mal zu verkriechen und die Masse machen zu lassen. Keine Entschuldigung aber dafür, den Festivalterminen der Band (Liste hier) fernzubleiben, sie geben jedenfalls reichlich Gelegenheit zum standesgemäßen Besuch - dem Vernehmen nach darf dann auch wieder ausgerastet werden.

James Blake: Seltene Verbindung

Menschen, die bei der Musik von James Blake enttäuscht abwinken und feststellen, sie könnten damit nichts anfangen - oh ja, die soll es geben - können einem ein bisschen Leid tun. Da kommt einer und schafft es, die Künstlichkeit und das Gefühl so miteinander zu verbinden, dass man unweigerlich an Philip K. Dick und Isaac Asimov und ihre entwurzelten, vermenschlichten Androiden denken muss - und ist nichts weniger als ergriffen. Nach drei Alben schickt sich der junge Mann aus London nun offensichtlich an, ein weiteres zu veröffentlichen - vor einigen Wochen gab es schon das wahrhaft poetische Video zu "If The Car Beside You Moves Ahead", nun teilt er mit "Don't Miss It" einen weiteren Track, begleitet von einer Art Lyric-Chat. Die Spannung steigt.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Christine And The Queens: Anders als erwartet [Update]

Lang hat's gedauert. Das meint jetzt nicht unbedingt die Zeit zum nächsten Album - "Chaleur Humaine" ist ja nun gerade mal vier Jahre alt. Aber Heloise Letissier alias Christine And The Queens hat im Vorfeld ihres neuen, ersten Songs nach besagten vier Jahren soviel Geheimnsikrämerei veranstaltet, daß es einem schon ganz bang wurde. Die durchgestrichenen Buchstaben, blieb nur noch Chris - was war passiert? Die ersten Bilder, gewohnt selbstbewußt, burschikoser Kurzhaarschnitt, trotziger Blick, erst der Anfang? Danach Konzerttermine, auf die man allerdings, weil im Spätherbst, noch eine ganze Weile warten muß. Und heute nun endlich - erste Töne. "Girlfriend" in der englischen, "Damn, dis-moi" in der französischen Version (die tatsächlich etwas geschmeidiger daherkommt), beides zusammen mit Damon Garrett Riddick, besser bekannt unter seinem Moniker Dam Funk, und mit mächtig viel funkigen Beats im Programm. Erst mal gewöhnungsbedürftig, aber wir haben ja Zeit. Und können's dennoch kaum erwarten.

15.10.  Berlin, Columbiahalle
11.12.  Genf, Arena

Update: Und hier dann auch die passenden Videos im Stile der West Side Story, gedreht von Jordan Bahat.



Blumfeld: Universal Liebeslieder

Blumfeld
Ampere, München, 23. Mai 2018

Die Frage war nicht, ob es die Herren da oben packen würden – da waren die Zweifel eher klein, denn so alt, dass es nicht zum gepflegten Rockmuckertum reichte, sind sie nun auch wieder nicht. Nein, spannender war, ob denn die Songs nach einem knappen Vierteljahrhundert noch bestehen könnten. Die letzte offizielle Tour liegt schon ein paar Jahre zurück, einen Teil des Sets hatten Blumfeld, original besetzt, zuletzt vor einem Jahr auf einem Festival in Düsseldorf gespielt und dort so sehr Gefallen daran gefunden, dass sie das Konzept „Rücktritt vom Rücktritt“ einfach für ein paar Termine verlängerten und diese BestOf-Reise durch die Clubs antraten. Start in München, Nachfrage groß, das Ampere packed. Die Auftritte Distelmeyers dazwischen waren ja bekanntlich solistischer Natur, zunächst sein gelungenes Album „Heavy“ (das übrigens auch auf der Setlist des Abends angenehm großzügig bedacht wurde), dann das erste Buch und ein Coveralbum, dem man zwar die Verehrung, aber leider auch die Mühe allzu deutlich anhörte.

Nun also die Love Riots Revue. Schöner Name für den dargebotenen Liederzyklus, verbindet er doch die beiden gegensätzlichen Pole des Programms der Hamburger Oberschüler, den krawalligen, lauten Noise, aus dem man noch immer die Bewunderung für Sonic Youth heraushören kann. Und das fast schon schlagerhafte Liebeslied, für das sie neben aller Zuneigung auch mächtig viel Prügel haben einstecken müssen. Heute zeigt sich, daß in der Mischung aus beidem das Geheimnis ihres Erfolges liegt. Die Sprache einfach, der Duktus eindringlich, aber nicht verkopft – Stücke wie „Weil es Liebe ist“, „1000 Tränen tief“ oder „Immer wieder Liebeslieder“ behalten ihre Bedeutung über die Zeit hinaus, in der sie geschrieben wurden, sind universell. Bezeichnenderweise trifft das auch auf die politischen Songs zu, von Netztrollen und Hatebots war noch keine Rede, als Distelmeyer begann, von der „Diktatur der Angepassten“ zu singen – als er sich fragte „Wohin mit dem Hass?“, wurde nur halbsoviel von dem ausgekübelt, was heute die Foren verstopft. Und dennoch versteht’s jeder.

Das freut auch die Band. Augenscheinlich macht es Spaß, da oben zu stehen und die Jukebox anzuwerfen, die dankenswerterweise vor allem die älteren Stücke im Programm hat. Ein jeder nimmt’s, wie’s gefällt – ausgelassene Damen werfen begeistert die Arme in die Lüfte, der Anzugträger drei Meter weiter tanzt eher inwendig, Distelmeyer selbst ruft „Servus, Minga!“ und lacht sich einen Ast dabei: „Ihr seid so süß – ich aber auch.“ Die Haare sind länger, aber auch lichter geworden, die Posen hat er trotzdem drauf. Einmal auf die Bühne gerotzt, später bei besagtem Tearjerker ganz allein mit Kippe und Mikro zum Konservenbeat, das hat Klasse. Zum Kehraus dann, wie schon vor Jahren, natürlich den „Verstärker“ in der extended version, also kreischender Klassiker plus Prefab-Sprout-Huldigung („Electric Guitars“) und Cole-Porter-FadeOut: „Everytime we say goodbye, I die a little“, hach. Einzig den versprochenen Tanz draußen im Regen gab’s nicht mehr, der Wolkenbruch war mit dem letzten Ton vorbei, es wäre auch zu schön gewesen. Dann vielleicht beim nächsten Mal…

Jack White: Furioses Stückwerk [Update]

Jack White
„Boarding House Reach“
(Third Man Records)

Das ist schon eine elende Zwickmühle, in der man da jetzt steckt. Einerseits findet man den Typen richtig Klasse: Jack White hat nicht nur Ahnung von Musik, sondern lebt sie mit jeder Faser seines Körpers. Sagt die richtigen Sachen (gerade erst wieder in einem sehr lesenswerten Interview mit dem SZ-Magazin) und zwar nicht nur zu seiner Passion, sondern gern auch zu all den Dingen, die wir wie er als Unwucht im Lauf der Welt wahrnehmen. Wir bewundern sein Genie, seine Hingabe, seine Ausdauer. Andererseits hat er gerade sein drittes Album veröffentlicht und das ist derart anstrengend geraten, dass man es sogleich wieder in die Ecke pfeffern möchte. Zumindest im ersten Moment. Nun sind ja schon die solistischen Vorgänger „Blunderbuss“ und „Lazaretto“ nicht gerade Musterbeispiele für geschmeidigen Bluesrock neuer Schule gewesen, auch hier zickte der Mann stellenweise aus und versuchte sich mit versoffenen Moritaten am schlecht gestimmtem Kaschemmen-Piano, feierlichen Traditionals und ein paar bissigen Rapeinlagen. Hat gar nicht schlecht funktioniert, das Ganze, was vornehmlich daran lag, daß White meistenteils noch seinen elektrisierenden Stomp in die Auslage stellte, gern und oft die Gitarre drosch und seine Stimmbänder dazu malträtierte. Und selbst wenn dann Unerwartetes kam, hatte er es noch in klassische Kompositionen verpackt, blieb er bei allem stets ein Songwriter.

Dafür, dass ihm diese Fähigkeit beim aktuellen Werk nun abhandengekommen scheint, muß er kräftig Prügel einstecken. Pitchfork schickt „Boarding House Reach“ unter die kritische Fünf-Punkte-Marke und bei Stereogum wütet der Kritiker entrüstet wie selten: „Legends make garbage albums. It happens all the time. … He’s allowed to make some garbation. And that’s what Boarding House Reach is“, heißt es dort – und schlimmer: „It sounds like a man disappearing permanently up his own asshole.“ Tatsächlich springt White auf der Platte so wild und scheinbar ziellos zwischen all seinen Inspirationsquellen aus Blues, Funk, Jazz, Rock, Rap und Soul hin und her, daß ihm der Zuhörer irgendwann nicht mehr folgen möchte -  es jault, pfiept, furzt, kreischt und knallt an allen Ecken und man tut sich wirklich schwer, ein System dahinter zu erkennen. Halbherzigkeit (wie ein deutsches Musikmagazin) will man dem Künstler dabei aber nicht unterstellen, wer den Kerl jemals auf der Bühne unter Strom gesehen hat, der weiß, dass sein Problem nicht das halbe, sondern eher das übervolle, das berstende Herz ist, ganz offensichtlich überfordert er mit diesem stilistischen Kreuzfeuer den Großteil derer, die ihm bisher begeistert gefolgt sind.

Es könnte also sein, dass er auf seine Frage, die er beim Song „Corporation“ in die Runde ruft, am Ende nicht die gewünschte Antwort erhält: „I'm thinking about taking it all the way to the top! Who's with me? Yeah, I'm thinking about doing one giant drop! Who's with me?“ Es werden sich nicht viele finden, die da Schritt halten können/wollen. Trotzdem: Müll!? Weiß Gott nicht! Das Fehlen vertrauter Songstrukturen kann, ja muß man vielleicht bedauern, es gibt dennoch Grund genug auch mit diesem Album bei der Fahne zu bleiben. Denn die Gitarre als alles verbindendes Element bleibt so vielgestaltig wie furios, die Background-Chöre schmettern wunderbar ansteckend und wenn White bei „Everything You’ve Ever Learned“ im Stile des gerade verstorbenen Predigers Graham seine Tiraden herausbrüllt, wird wieder einmal klar, dass hier einer lichterloh brennt – man nennt das wohl „Seele“ und hört es so wahrlich nicht allzu oft. Ach, und den Humor hat er auch nicht an der Eingangstür zur hauseigenen Plattenpresse abgegeben. Ganz zum Schluß, nachdem er sich downtown noch schnell eine Knarre besorgt hat (Dan Auerbach ist wohl gewarnt), schiebt er noch eine kleine Dvorak/Capone-Variation nach: „If the children are dancing, lovers are all romancing, is it any wonder, everyone is singing?“ Irgendwie muß man ihn einfach lieben… http://jackwhiteiii.com/

Update: Tourdaten
12.10.  Berlin, Verti Music Hall
13.10.  München, Zenith
14.10.  Dortmund, Warsteiner Music Hall

Mittwoch, 23. Mai 2018

Parquet Courts: Britain first

Parquet Courts
„Wide Awake“

(Rough Trade)

Würde man einen Europäer fragen, wer ihm in der Not denn näher stände – der verpeilte Brexit-Brite oder der fehlgeleitete Amok-Amerikaner, er würde wohl doch zum zwar bemitleidenswerten, aber doch humor- und kulturvollen Inselbewohner tendieren. Lustigerweise tut das der Amerikaner manchmal auch, denn ab und an kommt einem eine Band in die Quere, die zwar aus Übersee stammt, aber englischer nicht klingen könnte. So auch Parquet Courts. Schon das letzte Album des Quartetts aus Texas, das unter dem schönen Namen „Human Performance“ 2016 erschien, mischte auf unterhaltsame Weise schmissigen Punk, psychedelischen Spätsechziger-Rock und feine Popideen und auch jetzt sind es vornehmlich die Stranglers und vor allem The Clash, an die einen Andrew Savage und Kollegen erinnern.

Auf einem Foto des Independent, gerade zu einem Interview erschienen, sieht man die Jungs mit vor’s Gesicht geschlagenen Händen sitzen und natürlich stehen da die Assoziationen Schlange: Können sie das Elend im eigenen Land nicht mehr mit ansehen, sind sie des Chaos unter Trump müde oder wollen sie besser die Augen verschließen, sich besser verstecken vor der Dumm- und Dumpfheit politischer Meinungshoheit in Washington, ganz nach dem kleinkindlichen Motto: Wenn ich keinen sehe, sieht mich auch niemand? Mitnichten, die Parquet Courts haben schon sehr viel Spaß am Proklamieren und Insistieren. Schon beim fabelhaften „Total Football“ nutzen sie einen Begriff aus dem holländischen Ballsport-Lehrbuch, um den Hörern ihre Idee von Gemeinschaft und Zusammenhalt näher zu bringen. In rauflustiger Stimmung geht es weiter – „Almost Had To Start A Fight/In And Out Of Patience“, jetzt wollen sie wissen, was denn besser ist, zuschlagen oder zurückweichen, Konfrontation oder Kompromiss.



Bei „Normalization“ geht es um die Frage, an was wir uns denn noch gewöhnen sollen/dürfen, wo wir die Grenze ziehen, wo Schluß ist mit lustig. Armut, Gewalt, Selbstbetrug, nicht gerade die lustigsten Themen, aber genau die richtigen für eine Punkband wie sie. Der Sound, den Produzent Danger Mouse veredelt hat, hält viele Facetten bereit – von schnell und hart, funky und poppig bis zu den schleppenden Dubsound-Anleihen bei „Before The Water Gets Too High“, zwischendrin mit „Freebird II“ ein Ausflug zu den Beatles, eine schunkelnde Todesbetrachtung samt Kinderchor und am Ende sogar ein wunderbare, einigermaßen optimistische Ode an die Zärtlichkeit: „Nothing reminds the mind of power like the cheap odor of plastic, leaking fumes we crave, consume, the rush it feels fantastic. But like power turns to mold, like a junkie going cold I need the fix of a little tenderness.“ Die besten Briten, die Amerika gerade zu bieten hat. https://parquetcourts.wordpress.com/

04.07.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
05.07.  Hamburg, Molotow
17.07.  Düdingen, Bad Bonn
18.11.  Köln, Gebäude 9
19.11.  München, Ampere
20.11.  Frankfurt, Brotfabrik

Tocotronic: Noch unendlicher

Vielleicht nicht mehr ganz so taufrisch, in der Kombination aber immer noch ein Grund zur Freude: Tocotronic, gerade erst mit ihrem aktuellen Album "Die Unendlichkeit" einmal mehr Erfolgsgaranten des öfters totgesagten deutschen Indierocks, haben für zwei Stücke ebenjener Platte Remix-Veröffentlichungen angekündigt, zudem ist eine Tourergänzung für den Herbst eingetütet. Das Label Kompakt bringt vom Titelsong drei Bearbeitungen von Roman Flügel unter die Leute, an "Bis uns das Licht vertreibt" durften sich Marcel Dettmann und Michael Mayer versuchen. Reinhören kann man in die eine wie die andere 12" schon mal auf der Website des Labels, physisch gehen die beiden Scheiben am 8. Juni raus. Die Tickets für den Touranhang gibt es schon bei Krasser Stoff, dem Vernehmen nach als spezielles Hardticket inkl. Tonspur, auf welcher man einer Smartphone-Aufnahme des Stückes "Der absolute Tiefpunkt meiner Kindheit" aus der Lowtzow'schen Küche lauschen kann. Was es nicht alles gibt ...

28.07.  Wien, Arena
06.11.  Rostock, M.A.U. Club
07.11.  Kiel, Die Pumpe
08.11.  Bochum, Bahnhof Langendreer
09.11.  Marburg, KFZ
10.11.  Aschaffenburg, Colos Saal
12.11.  Kaiserslautern, Kammgarn
13.11.  Augsburg, Kantine
14.11.  Chemnitz, AJZ
15.11.  Leipzig, Conne Island
16.11.  Potsdam, Waschhaus

The Cool Kids: Back to the Bassment

Diese zwei Herren aus Chicago haben uns ja im vergangenen Jahr schon überrascht, da nämlich kamen Sir Michael Rocks and Chuck Inglish aka. The Cool Kids mit einem neuen Album "Special Edition Grandmaster Deluxe" um die Ecke und der Jubel war groß. Das darf sich nun gern wiederholen, denn aktuell warten zwei neue Tracks namens "OilBass" und "Ripple" auf die Zuhörer, eine Platte oder ein Mixtape gibt's allerdings noch nicht dazu. Angeblich sind die beiden aber beim im Herbst anlaufenden Film "Widows" von Steve McQueen mit von der Partie.



Dienstag, 22. Mai 2018

Kristin Hersh: Nicht nur leise Töne

Eigentlich sind Sandstürme ja kein Spaß, man darf aber annehmen, daß beigefügte Warnung nicht allzu ernst gemeint ist: Kristin Hersh, Sängerin der verehrungswürdigen Bands Throwing Muses und 50 Foot Wave, seit langer Zeit ebenso erfolgreich solo unterwegs, hat nach dem Doppelschlag "Wyatt At The Coyote Palace" aus dem Jahr 2016 ein neues Album in Eigenregie angekündigt - und dieses soll den Titel "Possible Dust Clouds" tragen. Der Wechsel zu Fire Records, wo die Platte am 5. Oktober erscheinen wird, flankiert das Vorhaben, Livetermine der stimmgewaltigen Künstlerin gibt es vorerst nur einige wenige auf der Insel (und dem von Robert Smith kuratierten Meltdown Festival), als kleinen Trost hier vorab aber schon mal eine frühe Version der Single "LAX", die erstaunlich rau und krachert daherkommt. Recht so.

Artificial Pleasure: Der doppelte David

Artificial Pleasure
„The Bitter End“

(East City Rockers)

Kurz noch mal vergewissert – nein, nichts. Die beiden Davids, also Bowie und Byrne, haben  sich mit Sicherheit gekannt und werden sich bei diversen Gelegenheiten auch die Hände geschüttelt haben, wie das unter Genies diesen Grades nicht ausbleibt. Nachweislich aber hat nur der Byrne den Bowie gecovert und nicht umgekehrt, von gemeinsamen Auftritten ist derweil nichts überliefert. Und genau an dieser Leerstelle scheint seit 2016 die Londoner Post-Punk-Kapelle Artificial Pleasure anzusetzen, klingen die vier Herren doch genau so, als wären Ziggy Stardust und der Psycho Killer bei einem zufälligen Treffen übereingekommen, ein ganzes Album mit herrlich funkig-fuzzigen Stücken aufzunehmen. Einige dieser Songs existieren ja schon geraume Zeit, jetzt erst wurde das komplette Debüt veröffentlicht und  Phil McDonnell (Gesang/Gitarre), Dom Brennan (Keyboard), Rich Zbaraski (Bass) und Drummer Lee Jordan, meistenteils zuvor bei der Band Night Engine angestellt, geben sich keine große Mühe, ihre Vorbilder zu verschweigen.



Im Gegenteil, freimütig geben sie weitere zu Protokoll, letztendlich nimmt sich die Liste wie das Who is Who der alternativen Tanzmusik aus: LCD Soundsystem, Gang Of Four, Can, Funkadelic, ja sogar die deutschen DAF stehen darauf und hört man sich die zwölf hochinfektiösen Tracks des Albums an, bringt jeder Hörer sicherlich noch drei weitere auf’s Tableau. Gern geschehen, sie haben nichts zu verbergen. Und wollen sich auch gar nicht erst ein schlechtes Gewissen einreden lassen, sondern einfach nur möglichst schnell (wie im Video zu „I’ll Make It Worth Your While“ zu sehen) zurück unter die Glitzerkugel – zucken, wippen, federn, feiern. Was mit der Platte bestens gelingt. Die dicken Synths und Maschinengrooves hämmern beeindruckend, „Wound Up Tight“ und „All I Got“ sind Musterbeispiele monstermäßiger Stil-MashUps, kaum zu bremsen, pulsierend, bereit für die große Sause.



Da werden Chöre aufgefahren, wird schamlos der hymnische Dramapop der 90er beliehen, es schmeichelt, schwelgt, bratzt oder stampft an allen Ecken, einen richtigen Favoriten mag man in dem herrlichen Durcheinander gar nicht ausmachen. Irgendwann, irgendwo natürlich auch der Ruf, das sei doch alles aufgekochter Super-Retro-Kram – man hört ihn kaum, will ihn nicht hören, viel zu sehr damit beschäftigt, die eigenen Beine nicht zu verknoten. Zur Entspannung dienen zwei kurze Instrumentals namens „Basement“ und „Stammheim“ (deren Deutung man sich für die Afterhour vornimmt, im Moment ist keine Zeit dazu) und auch „You Keep Me Coming Back For More“, ein croonendes Etwas mit gehörig Schmachtpotenzial, auch das können sie also. Man kann nur hoffen, daß die vier smarten Herren recht bald wieder den Weg auf die Bühne finden, es wäre nachgerade sträflich, sie mit diesem Material einfach entkommen zu lassen. http://www.artificialpleasure.com/

Waves Of Dread: Weiter ohne Gewähr

Wir sind zwar dem Geheimnis um das Projekt Waves Of Dread aus Newcastle noch keinen Schritt näher gekommen (okay, es scheint sich um fünf Personen zu handeln, wie man den Bildern im Instagram-Account entnehmen kann), dafür gibt's aber einen neuen Song aus dem Portfolio zu hören. Das etwas poppigere "Sun Shows" folgt den beiden Single "Flying" und "In Your Mind", statt groß über Ungeschriebenes zu grübeln, hören wir also mal besser zu.

Montag, 21. Mai 2018

Yukon Blonde: Durchaus artverwandt

Irgendwie kommt man auch selbst drauf, ohne dass man über die fünf Genaueres weiß: Yukon Blonde aus Vancouver sind eine Psychrock-Band, klar, denn wer sich Mühe gibt und etwas Fantasie hat, der kann im Cover ihres künftigen, vierten Albums "Critical Hit" natürlich eine verfremdete Version von Pink Floyds "The Dark Side Of The Moon" erkennen. Okay, es braucht viel Fantasie, aber Farbspektren sind nun mal Sache dieses Genres. Ihr Sound entspricht eher dem der späten Schaffensjahre ihrer möglichen Vorbilder, sie sind dem Pop nicht abgeneigt und die ersten vier vorveröffentlichten Songs der neuen Platte haben eindeutig Hitcharakter - so weit, so untypisch. Hier nun also "Too Close To Love" als aktuellste Veröffentlichung, dazu noch "Love The Way You Are", "Crazy" und "Emotional Blackmail - die ganze Pracht erscheint dann am 22. Juni bei Dine Alone Records.





Goldfrapp: Touché!

Das ist schon irgendwie speziell: Da rezensiert man das letzte, so wunderbare Album "Silver Eye" des britischen Duos Goldfrapp und gibt ganz am Ende den Herren von Depeche Mode noch eine mit, so und nicht anders habe zeitgemäßer Synthpop zu klingen. Und was macht Alison Goldfrapp? Singt für die Deluxe-Edition ihres Albums, die am 6. Juli bei Mute Records erscheinen wird, de Track "Ocean" nochmals als Duett mit Dave Gahan ein. Touché!

Granada: Sehnsucht zum Tanzen

Ein belangloses Singalong war nicht zu erwarten, wenn die Grazer Kapelle Granada zur Rückkehr auf die Bühne bläst. Gab es von ihnen eh noch nie. Selbst der Schmachtfetzen "Wien wort auf di" hatte so viel Herz, Ironie und Sehnsucht, daß es kaum auszuhalten war - ein Prachtstück, wie das ganze Debüt des Quintetts aus dem Jahr 2016. Nun soll also der Nachfolger kommen - "Ge bitte!" startet mit der Single "Die Stodt", das Video von Bernhard Kaufmann mit Valerie Huber, Fabian Unger und Tom Heinz muß man wohl nicht erklären, die Bildsprache könnte deutlicher nicht sein. Gleichgeblieben ist den fünfen offenbar die Gabe, Schweres zum Schweben, besser zum Tanzen zu bringen, für die Tour im Herbst sollte an also frühzeitig vorsorgen, die Plätze im Parkett werden schnell weg sein.

19.11.  Zürich, Bogen
20.11.  Freiburg, Jazzhaus
21.11.  Stuttgart, Club im Wizemann
22.11.  Wiesbaden, Kesselhaus
23.11.  Hannover, Lux
24.11.  Köln, Luxor
26.11.  Dresden, Groove Station
27.11.  Leipzig, Naumanns
28.11.  Hamburg, Nochtspeicher
29.11.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
01.12.  Ingolstadt, Festival
02.12.  Regensburg, Mälzerei
03.12.  Erlangen, E-Werk
04.12.  Augsburg, Neue Kantine
06.12.  Linz, Posthof
07.12.  Graz Orpheum
08.12.  Saalbach, Bergfestival
11.12.  München, Muffathalle
12.12.  Salzburg, Rockhouse
15.12.  Wien, Arena




Sonntag, 20. Mai 2018

Sleafords Mods: Für die Standhaften

Sleaford Mods
Support: Massicot
Köln, Live Music Hall, 18. Mai 2018

Gut, diese kleine Hoffnung hat sich dann doch nicht erfüllt – kein neues Material. Nicht in München, auch nicht bei der Dresdner Premiere, Hamburg, Berlin, Köln, es war wohl noch nicht die Zeit dafür. Doch wie winzig nimmt sich diese Enttäuschung aus gegenüber der Genugtuung, dass die beiden Typen da oben auf der Bühne immer noch und gänzlich unverfälscht die sind, die einen seit Jahren begeistern und dazu bringen, ihnen selbst jetzt noch wie ein Groupie hinterherzureisen. Es geht ja bei der Sache immer auch ums Alter, zumindest wenn man diesbezüglich (so wie die vielen anderen im Saal) in der selben Liga spielt wie Jason Williamson und Andrew Fearn. Und eben das ist ein wichtiger Teil des Phänomens Sleaford Mods, dass sie einem das willkommene Gefühl vermitteln, auch knapp vor der 50 noch ohne jede Peinlichkeit wütend, laut und kämpferisch sein zu können. Okay, also sie sind es und man selbst steht lieber unten und schau ihnen dabei zu. Aber es ist halt nicht das Gleiche, auf einem dieser unsäglichen Reunion-Retro-Konzerte ungeduldig darauf zu warten, dass endlich das Saallicht gelöscht wird, um die gesammelte Berufsjugendlichkeit (deren Teil man ja selbst ist) rundherum nicht ansehen zu müssen, wo man später beim Heranzoomen der verräterischen Bühnenkameras über die eingefallenen, müden Gesichter und die schütteren Haare der einstigen Idole erschrickt und wirklich, wirklich froh ist, dass sie wenigsten dieses Mal die Klamotten am Leibe behalten und die Show mit einigermaßen Anstand beenden.

Die Mods hat man hierzulande spät für sich entdeckt, erst vor zehn Jahren kamen die ersten Tracks über den Kanal und das ist ein Segen. Genau wie der oft und zu Recht gelobte Purismus ihrer Auftritte: Videowände? Bullshit. Rockposen? Braucht kein Mensch. Stattdessen: Bierkastenrack, Notebook, Mikrophon – der Rest ist pure Emotion. Das Tänzeln, Stolzieren, Schreien, Bellen, Grunzen, wer nur die Musik gehört, sie aber über die Jahre nicht live gesehen hat, der wird die Mods nicht zur Gänze kennenlernen, bleibt außen vor. Die Konzerte sind wie wahren Erlebnisse, bleiben der Schlüssel zum Werk und die einzig gültige Erklärung, warum Punk nichts oder nicht ausschließlich mit schiefen Gitarre, Parolen und Pogo zu tun hat, sondern hauptsächlich mit Wahrhaftigkeit und Haltung. Gerade war zu lesen – und auch das gehört zu diesem Abend, der ja auch ein Vorabend ist, dazu – daß die unausweichlichen Bilder der royalen Trauung am Folgetag selbst die ärgsten Kritiker betört hätten. Und man ist heilfroh, dass Williamson offenbar immun gegen diese mediale Gehirnwäsche ist, die ihn und sein Land gerade heimsucht, dass er weiterschimpft über die Verrücktheit, den Gestank, die Entfremdung und Verrohung der Subutex-Welt. Er läßt sich nicht kleinkriegen, bleibt standhaft und wir lieben ihn dafür. Wohl wissend, dass wir’s selbst wohl eher nicht draufhätten.

Sie bleiben also ungebrochen: die Energie, der treibende, brutale Groove von „Jobseeker“, „Jolly Fucker“, „Fizzy“ und „Tweet Tweet Tweet“, Williamson zeigt sich bei keiner Note weniger angespannt, weniger explosiv als bei früheren Shows, das luzide Joker-Grinsen in der Visage, der Griff in den Schritt, die Reime, die er herausspuckt und sogleich mit einer schroffen, zwanghaften Handbewegung nach hinten wegkickt. Fearn dagegen mit beseelter, entspannter Mimik, nie um einen freundlichen Gruß verlegen und stets eins mit seinen geloopten Bytes und Beats. Für diese Saison war’s das wohl, die „English Tapas“ wurden ausreichend serviert. Anfang Juni darf man sich auf den offiziellen DVD-Release der preisgekrönten Doku von Christine Franz freuen, „Bunch Of Kunst“ gelingt mit der Mischung aus alltäglicher Banalität englischer Kleinstadttristesse, liebevoller Männerfreundschaft und abgefilmter Liveperformance tatsächlich so etwas wie eine Erklärung für die Einzigartigkeit dieser zweifellos genialen Band. Neues Material, zurück zum Einstieg, ist wohl schon in Arbeit. Vorfreunde also, immer noch. Und auch wenn man weiß, dass sie irgendwann weg sind, weg sein müssen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit behalten wollen – für den Moment sind sie nichts weniger als: die Größten.

Audiobooks: Der Schattenmann und das Model [Update]

Es ist nun mal so, daß Produzenten, seien sie auch noch so berühmt, eher im Hintergrund arbeiten und selten aus dem Schatten der Künstler, an deren Platten sie arbeiten, heraustreten. Eigentlich nämlich müsste bei Anblick des obigen Bildes ein jeder "Ah!" und "Oh!" rufen (abzüglich derer, die behaupten, sie hätten Saruman in Zivil schon öfter gesehen), denn David Wrench ist als Producer tatsächlich ein richtiges Schwergewicht. Die Reihe der Musiker, auf dessen Payroll er stand, ist so endlos wie namhaft, The XX, Hot Chip, Frank Ocean, Glass Animals, Goldfrapp, David Byrne, John Cale, es ließe sich hier noch so einiges aufschreiben. Daß der Mann jetzt als sein eigener Kunde auftritt, ist deshalb einigermaßen erstaunlich, er tut dies zusammen mit Sängerin und Model Evangeline Ling unter dem Pseudonym Audiobooks und weil der Track gerade von Gorilla Vs. Bear gehypt wird, dürfte da auch was dran sein. Scharfe Beats, Disco, Tanzmusik, irgendwo dazwischen liegt das Ergebnis - die erste Single "Gothenburg" (via Heavenly Recordings) jedenfalls ist mindestens mal ein Geheimtipp.

Update: Und hier endlich auch aktuelles Bildmaterial, abgefilmt von Balan Evans.



Donnerstag, 17. Mai 2018

Kluster: Gleich beim ersten Ton [Update]

Manche Songs brauchen einfach nur ein paar Takte, um sich festzuhaken, man weiß im nächsten Moment, daß da was draus werden kann. Aktuelles Beispiel sind Kluster aus dem schwedischen Malmö. Das Quintett, bestehend aus Linnea Hall (Gesang), Pontus Örnstrand (Keyboard), Sebastian Hegedüs (Gitarre), Adam Jonsson (Gitarre) und Andreas Pollak (Drums), hatte im Februar seine Debütsingle "Over My Head" platziert und schon damit wohlwollende Kommentare der einschlägigen Musikportale eingesammelt. Nun gibt es mit "In Your Hometown" ein zweites Stück zu hören, auch dieses sowohl beschwingt arrangiert und doch tricky genug angelegt, um aus der Flut täglicher Neuerscheinungen angenehm herauszustechen. Für den 15. Juni hat ihr Label Rama Lama Records das erste Album "civic" angekündigt - wir freuen uns darauf.

Update: Hier noch eine weitere, feine Auskopplung aus dem neuen Album namens "Afterglow".


Beach House: In tiefer Verehrung

Beach House
„7“

(Sub Pop/Bella Union)

Manch eine/r meint ja, Platten aus den Genres Dreampop und Shoegazing würden sich jedweder Bewertung entziehen, da sie ohnehin alle gleich klingen würden, ja besser noch, diesen Gleichklang zum Prinzip erhoben hätten. Natürlich ist da ein Körnchen Wahrheit dran, allerdings müsste man so wohl auch den Anhängern des Black Metal gegenüber argumentieren, denn auch dort gehört Abwechslung nicht gerade zu den Alleinstellungsmerkmalen. Und einfach macht es sich, wer so urteilt, ohnehin, denn man kann sehr wohl Unterschiede, eigenständige Charakteristika finden, man sollte halt nur etwas genauer hinhören. Beispiel Beach House: Was Victoria Legrand und Alex Scally auf ihren bislang sechs Alben präsentierten, zählt zur Hochkultur der Pedalkünstler, sie haben aber in den letzten Jahren ein paar stilistische Neuerungen vorgenommen, die zumindest in der ersten Hälfte des neuen Albums besonders auffällig sind – mehr Syntheszier, mehr Beats, mehr Dance, etwas roughere Gitarren.

Verantwortlich dafür zweifellos die Zusammenarbeit mit einem neuen Produzenten. Nachdem bei den letzten Arbeiten Chris Coady die Finalisierung übernommen hatte, saß hier Peter Kember aka. Sonic Boom an den Reglern – der Mann spielte immerhin schon mit Spacemen 3, Yo La Tengo, Stereolab und mischte Platten von MGMT und Panda Bear ab. Ein neuer Ansatz, ein weiterer Horizont, so klingen auch die ersten Tracks auf „7“. „Dark Spring“ eröffnet mit crispy Gitarrenhooks, bei „Pay No Mind“ grundiert ein ziemlich dicker Basslauf den Song und „Lemon Glow“, die erste Vorauskopplung, loopt und poppt ganz wunderbar und durchaus überraschend. Den Höhepunkt erreicht die Band mit dem famosen, zweisprachigen „L’Inconnue“, zunächst mit ein paar billig anmutenden Casiotones gestartet, steigert sich das Stück zu einem recht dramatischen, ja hymnischen Finale samt choraler Begleitung.



Man sollte sich allerdings von manch luftiger Nummer nicht täuschen lassen, hier schwingt auch manche dunkler Ton mit. In „Drunk In L.A.“ beispielsweise erzählt ein in die Jahre gekommenes Starlet die traurige Geschichte von schwindendem Ruhm und Einsamkeit, auch „Black Car“ wirkt sehr melancholisch. Wenn Kember, Legrand, Scally und Livedrummer James Barone auch die Spannung nicht ganz bis zum Ende halten können – kurz vor Schluß bekommt man noch einen Hinweis auf das Covermotiv und eine der Hauptmotivation hinter dem Album. „Girl Of The Year“ nämlich nimmt Bezug auf die Warhol-Muse Edie Sedgwick, Legrand betrachtet sie mit Ehrfurcht und Bewunderung: „She was a beautiful, yet deeply troubled girl and at the same time, she was a shining star. I work very visually so I was very enamored with eyelashes and the use of the eyeliner and the smoke and the eyes. Nico, also. It’s almost Grecian but there’s something tragic about them all. They’re these icons and I don’t know why, but humans need icons. … I would have pop art in general, which a lot of the album’s artwork references (Pitchfork).“ So oder so, wir verehren ebenfalls weiter. http://www.beachhousebaltimore.com/

01.10.  Köln, Gloria
02.10.  Berlin, Huxleys
11.10.  Hamburg, Kampnagel

End Christian: Playing Bach

Zur Auflockerung hier mal etwas eher Abseitiges - wobei das wieder davon abhängt, auf welcher Seite man denn steht. Einigen Lesern wird die Formation End Christian (Philadelphia/New York) vielleicht ein Begriff sein, auch oder gerade weil sie einen musikalischen Stil pflegt, der sich konsequent zwischen alle Stühle setzt. Christian McKenna (Hex Inverter), Alap Mom (ex-Dalek, Third Culture Kings), Richard Hoak (Brutal Truth, Total Fucking Destruction), Vincent Rosa (Starkweather) und Gillian Dreadful (Fad Nauseam) mischen Ambient, Trip Hop, Post-Rock und Electro zu eigenwilligen Soundcollagen und füllten damit 2017 ihr Debütalbum "Energy And Strength", dessen Titel man durchaus wörtlich nehmen durfte. Auf der neuen Scheibe, weiter geht's mit dem Namedropping, werden sich als Gastmusiker auch Justin Broadrick (Godflesh, Jesu), Mike Hill (Tombs) und Chris Connolly (Sun Kil Moon) finden - heißen wird sie "Bach Part 1", VÖ ist der 27. Juli via Translation Loss, Teil 2 soll später im Jahr erscheinen. Wer nähere Ausführungen zu Künstlern und Werk haben möchte, darf sich gern ein Interview mit Christian McKenna bei The Sludgelord gönnen, ansonsten haben wir hier die beiden ersten Auskopplungen "KARAOKE_SO" und "GREAT ESCAPES" parat.