Mittwoch, 20. September 2017

Mogwai: Mildere Umstände

Mogwai
„Every Country’s Sun“

(Rock Action Records)

Jede andere Band, zumal eine aus dem rauen Schottland, würde demjenigen, der behauptet, sie würde ja eigentlich seit Jahrzehnten nichts anderes als Hintergrundmusik machen, ziemlich derbe eins auf die Nuß geben. Und zwar mit einigem Recht. Nun reden wir aber nicht von jeder anderen Band, sondern von Mogwai, den Säulenheiligen des Post-Rock aus Glasgow. Und die wiederum hätten wohl nichts dagegen, wenn man ihre über zwanzigjährige Karriere mit dem Stichwort Assoziationsmusik überschreibt, denn einer der Gründe, warum Stuart Braithwaite, Barry Burns und Kollegen das machen, was sie machen (und das eben hauptsächlich und im buchstäblichen Sinne ohne viele Worte), ist, daß sie die Phantasie ihrer Zuhörer auf das Höchste respektieren und schätzen. Und sie deshalb ihre Stücke nicht mit einer bestimmten Bedeutung aufladen wollen. Vor ein paar Wochen haben die Herren dem Musikmagazin laut.de eines ihrer unterhaltsamen Interviews gegeben und dort zunächst festgestellt, daß der Name des aktuellen Albums trotz der gesellschaftskritischen Intention doch ziemlich albern klingt und desweiteren deutlich gemacht, warum sie eine weitere Politisierung ihrer Musik für unnötig halten: „Ich glaube, die Welt wird kein besserer Ort, nur wegen des Titels eines bestimmten Mogwai-Songs“, so Braithwaite und weiter „Ich schätze, viele unserer Hörer haben absolut gegensätzliche, weniger sozialistische Meinungen als wir, und das ist doch auch okay.“



In unserem Falle heißt das: Elf neue Stücke, nicht übermäßig lang, eher gediegen als überraschend, anfangs etwas elektronischer, gegen Ende dominiert der sorgsam geschichtete Gitarrenkrach. Produziert hat erstmals seit fünfzehn Jahren wieder Dave Fridmann, der schon „Rock Action“ in den Fingern hatte und – ebenfalls eine Premiere – abgesehen von „Atomic“ ist „Every Country’s Sun“ das erste Studioalbum ohne Gründungsmitglied John Cummings. Es gibt auf der neuen Platte anderthalb Stücken, die auch von Gesang begleitet werden – „Party In The Dark“ ist ein vergleichsweise eingängiger, fast konventioneller Rocksong als dystopisches Warpaint. Die bestimmenden Nummern allerdings werden wohl zwei andere sein, einerseits das so dramatische wie anmutige „Coolverine“ und zum anderen das hohl pochende „Don’t Believe The Fife“, das sich im Laufe der sechs Minuten zu einem sphärischen Breitwandepos steigert. Gemessen am früheren Output ist „Every Country’s Sun“ vielleicht nicht gerade ein Quantensprung, es läßt sich schon heraushören, daß Mogwai über die Jahre etwas ausrechenbarer und zugleich zahmer geworden sind. Aber sie kommen mit dieser Platte auf Tour und das ist, bei aller Kritik, bekanntlich noch mal eine ganz andere Hausnummer. http://www.mogwai.co.uk/

14.10.  Berlin, Columbiahalle
16.10.  Hamburg, Docks
17.10.  Köln, E-Werk
26.10.  Basel, Reithalle
01.11.  Wien, Arena
02.11.  Leipzig, Täubchenthal
03.11.  München, Backstage

Dienstag, 19. September 2017

Palm Honey: Kehrtwende 2.0

Na, sie scheinen immer noch ziemlich wankelmütig zu sein: Palm Honey aus Reading hatten sich im vergangenen Jahr mit einem überraschenden U-Turn zurückgemeldet und sich auf ihrer neuen EP "Tucked Into The Electric Wave" erfolgreich in Sachen Shoegazing-Pop versucht. So recht überzeugt waren sie wohl trotzdem nicht von ihren eigenen Fähigkeiten, denn nachdem vor einem Monat schon "Hot Simian Weather" wieder die früheren Töne anschlug, folgt nun mit "Starving Hysterical Naked" (Pt. 1/2) ein neunminütiger Doppelschlag in Sachen Psychrock. Macht dann in der Summe eindrucksvolle 360 Grad.

Sløtface: Diskrete Gehirnwäsche

Sløtface
„Try Not To Freak Out“

(Propeller Recordings)

Ganz so neu ist die Taktik nicht, aber so sympathisch hat sie bislang noch kaum jemand umschrieben: Das norwegische Quartett Sløtface hat es sich seit seiner Gründung im Jahr 2012 zur Aufgabe gemacht, politische Standpunkte nicht etwa mittels kruder Punkattitüde zu transportieren, sondern diese der größeren Wirkung wegen besser in feine Melodien zu verpacken: „We think pop music is a great tool to sneak really important messages into catchy melodies. It's a very discreet kind of brainwashing“, sagten sie kürzlich dem Portal altpress.com und liegen damit wahrscheinlich auf den Punkt richtig. Denn nicht nur die hierzulande anstehende Wahl zeigt, daß kaum etwas so unglaublich langweilen kann wie agitatorische Bekehrungsversuche nach herkömmlichem Muster, selbst Politiker-Interviews mittels zielgruppenaffiner Youtube-Stars wirken eher einschläfernd, der Informationsgehalt sinkt hierbei in gleichem Maße wie die Fremdscham nach oben schnellt. Sløtface gehören nun aber mal tatsächlich zu einem Teil der jungen Generation, der einerseits über gesamtgesellschaftliche Lebensumstände nachzudenken bereit ist und darüberhinaus versucht, seinen Mitmenschen die beharrliche Auflehnung gegen die Zerstörung der Umwelt und für die unbedingte Gleichbehandlung von Männern und Frauen nahezubringen.



Und zwar mit ihren Mitteln. Wobei sich vor allem Haley Sheas Gesang als Wucherpfund erweist, gelingt es ihr doch, je nach Anforderung angemessen wütend oder verführerisch zart aufzutreten – der krachige Indierock mit Mut zur anschmiegsamen Hookline tut ein Übriges. Gleich beim Einstieg „Magazine“ läßt Shea keine Zweifel daran aufkommen, daß sie das Körper-Diktat einschlägiger Modezeitschriften für unsinnig und geradezu gefährlich hält, später tagträumt sie sich an die Seite von „Nancy Drew“, der berühmten Detektivin und Superheldin aus den Büchern der Dreißiger. Ein ganze Reihe feiner Songs also, bei „Pitted“ haben die Skandinavier für gute Ohren sogar ein paar Trompeten versteckt, „Slumber“ kommt als zweistimmiger Einschmeichler daher – mit einem Anlauf von vier EP also ein überaus gelungener Erstling. Zum Eintrag als kulturelle Berühmtheit auf der Wikiseite ihrer Heimatstadt Stavanger haben es Sløtface übrigens noch nicht geschafft, da müssen immer noch Dom und Konservenfabrik herhalten. Wenn es mit der Band allerdings so furios weitergeht, wird da sicher bald eine Aktualisierung fällig sein.

19.09.  Köln, MTC
22.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
24.09.  Wiesbaden, Schlachthof
26.09.  München, Strom

Morrissey: Ärger mit Ansage

Also doch: Nachdem sich der alte Mozzer gerade (wieder mal) einen Twitter-Account zugelegt hat, war es nur noch eine Frage der Zeit, wann sich die Gerüchte zur offiziellen Verlautbarung wandeln würden. Jetzt ist es dann soweit - am 17. November wird, erstmals via BMG, Morrisseys neues Album "Low In High School", der Nachfolger zu "World Peace Is None Of Your Business", erscheinen. Das Cover, seit ein paar Tagen schon im Umlauf, gilt nun als sicher (s.u.) und wenn man dem Portal Pitchfork glauben darf, sind wieder reichlich kontroverse Stücke zu erwarten, liest man dort doch von Titeln wie "The Girl from Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel", "Israel" und "Who Will Protect Us From the Police?". Die erste Auskopplung jedenfalls nennt sich "Spent The Day In Bed" - Tourtermine werden sehnlichst erwartet.

Montag, 18. September 2017

New Candys: The Italian Job

Dunkles aus Italien, genauer aus Venedig: Die New Candys, seit 2012 im Dienste des Noiserocks Marke Jesus And Mary Chain unterwegs, haben für den 6. Oktober ihr neues, drittes Album via Fuzz Club Records angekündigt. "Bleeding Magenta" ist in Eigenregie entstanden und mit "Excess" gibt es hier die erste Hörprobe davon - Fernando Nuti (Gesang, Gitarre), Diego Menegaldo (Gitarre, Gesang), Stefano Bidoggia (Bass, Keys) und Dario Lucchesi (Drums) sind im Dezember auch für ein paar Termine in Deutschland und Umgebung unterwegs.

07.10.  Berlin, Interkosmos Fest
03.12.  Hamburg, Hafenklang
04.12.  Dortmund, Labsal
12.12.  Erfurt, Frau Korte
20.12.  Biel, La Salopard
21.12.  Nürnberg, Z-Bau
22.12.  Linz, Kapu
23.12.  Wien, Das Bach

Crooked Colours: Auf den Zettel

Crooked Colours
„Vera“

(Import)

Gar keine Frage, natürlich müssen die Schwergewichte, so sie es denn verdient haben, gelobt und gefeiert werden – all eyes on, alles richtig. Dennoch wünschte man sich manchmal ein wenig mehr Aufmerksamkeit für die scheinbar Kleinen, die Newbies, denn auch Arcade Fire, LCD Soundsystem und The National (um mal drei der letzten Bestseller zu nennen) haben mal unten angefangen und mussten um die Gunst ihrer Zuhörer buhlen. Und zwar zu Zeiten, da sich die Kundschaft noch keinem solchen Bombardement aus Bildern und Tönen ausgesetzt sah und mehr Zeit war, ein Album mal am Stück durchzuhören. Natürlich kann man trefflich darüber streiten, ob denn das nun wirklich bessere, leichtere Zeiten gewesen sind oder ob, die Killers haben sich gerade entsprechend in der Tonart verstiegen, die Musik heute einfach nicht mehr die Qualität hat wie noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Schwer vorstellbar eigentlich.



Das Trio Crooked Colours aus dem australischen Perth jedenfalls wird damit ganz sich nicht gemeint sein und kann doch etwas Vorschuss gut gebrauchen – vor einigen Wochen ist ihr Debütalbum „Vera“ erschienen und wenn man neben einem guten Herzen halbwegs Sinn und Verstand beisammen hat, dann muss man hier kräftig loben: Wunderbar luftige Melodien, die in den vorab verbreitenen Singles schon anklangen und nun auf kompletter Spiellänge nichts von ihrem Reiz verloren haben. Wer die Wild Beasts oder Django Django zu seinen Vorlieben zählt und wem Neuankömmlinge wie Methyl Ethel und Cool Sounds nicht entgangen sind, der wird an dieser Popmischung seine Freunde haben. Philip Slabber, Leon De Baughn und Liam Merrett-Park mögen es, soviel ist sicher, eingängig, geschmeidige Sythies, hübsche Gitarrenhooks, ein paar Bläser dazu, klug gemachter LoFi-Pop rules. Hier ein wenig Reggae und Dub („Hope You Get It“, „Vera“), gegen Ende hin mehr und mehr elektronisch („Show Me“, „Perfect Run“), alles in allem ein Sound, dem man sich nur schwer entziehen kann. Jetzt brauchen die drei also nur noch einen langen Atem.

03.10.  Köln, Gebäude 9
04.10.  München, Ampere
05.10.  Nürnberg, Club Stereo
06.10.  Leipzig, Neues Schauspiel
07.10.  Berlin, Ritter Butzke
11.10.  Luzern, Schüür
12.10.  Basel, Parterre
13.10.  Bern, Dachstock
14.10.  Zürich, Exil

Björk: Gesamtkunstwerk

Kannste sagen, was de willst, eine neue Single von Björk ist immer einen Post wert. Wie lange der in der jetzigen Form bestehen bleibt, ist allerdings höchst fraglich, denn bislang gibt es ihre Single "The Gate" offiziell nur über Apfelmusik und Spotify, soll heißen, der Youtube-Link hier unten ist mehr als eine wackelige Angelegenheit. Sei's drum. An der kompletten Platte, die im Übrigen den naheliegenden Titel "Utopia" tragen wird, war laut Pitchfork zum wiederholten Male Arca beteiligt, zur vorliegenden Single soll es auch bald ein Video von Regisseur Andrew Thomas Huang geben, dort zu sehen natürlich auch das viel besprochene Gucci-Kleid von Alessandro Michele und die veredelte Steckfrise von Hairdresser, Verzeihung: -künstler James Merry. Gehört, wie wir wissen, alles mit zum Gesamtkunstwerk (Update: s.u.).

Samstag, 16. September 2017

Muna: Vorgeschmack

Gerade weil wir hier nach wie vor der Meinung sind, daß Muna der bislang wichtigste Poplichtblick des Jahres waren und ihr Album "About U" als eines der besten unbedingt in die Top Ten 2017 gehört, weil wir weiterhin noch nicht verwunden haben, daß das Trio in Europa nur als Supportact von Harry Styles zu sehen sein wird (und nicht etwa und berechtigter Weise umgekehrt) - gerade deshalb ist es tröstlich, wenn Katie Gavin, Josette Maskin und Naomi McPherson gerade mit einem neuen Song für diese Tour aufwarten. "In My Way"

27.10.  Köln, Palladium (mit Harry Styles)
07.11.  Berlin, Tempodrom (mit Harry Styles)

Freitag, 15. September 2017

The National: Umständehalber

The National
„Sleep Well Beast“

(4AD)

Um ehrlich zu sein, die Planungen bzw. Erwartungen für The National sahen ein wenig anders aus: Nach ihren beiden okayen, aber nicht gerade umwerfenden Alben „High Violet“ und „Trouble Will Find Me“ war man darauf gefaßt, wieder eines dieser grummelnden Standardwerke in Überlänge zu bekommen – die herrlichen Gründerzeiten lange aus dem Blick, das Nötigste getan, so schön gemütlich hier … Und nun? Nichts mit mittelalterlicher Genügsamkeit, kein Dienst nach Vorschrift. Sänger Matt Berninger hatte ja schon im Vorfeld der Veröffentlichung von Platte Nummer sieben im NME schon gewarnt: "I’m going very dark with the new National record, which is a place I love to go. People have always described our music as dark and say it goes very melancholy, somber places. They haven’t heard anything yet! This next thing is crazy.” Und zu viel versprochen hatte er dabei tatsächlich nicht, die Suche nach den Gründen hierfür endet aber mit einer etwas heiklen Antwort.

Was nämlich wäre passiert, so die etwas steile These, wenn der gefährliche Dumpfkopf und Toupetträger in den USA die Wahlen im Dezember letzten Jahres nicht gewonnen und also alles weiterhin seinen beschaulichen, wenn auch deutlich friedvolleren Lauf genommen hätte? Man kann ja nicht bestreiten, daß sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten unter den Künstlern, also auch Musikern (zumindest denen, die der Meinungsbildung grundsätzlich positiv gegenüberstehen), eine durchaus fruchtbringende Wut eingestellt hat, Trump zudem unfreiwilligerweise sogar eine Politisierung all derer herausgefordert hat, die bislang ihre Ansichten eher im Stillen formulierten und jetzt eine Art Erweckungserlebnis gegenwärtigen. Schon klar – man hätte liebend gern auf diese Herausforderung, gerade auch weil sie so unwägbar ist, verzichtet, aber gäbe es denn ohne sie so wunderbare Platte wie „DAMN.“, „We Got It From Here…“, „FLOTUS“, „in.ter a.li.a“, „American Dream“?!



Und eben auch „Sleep Well Beast“? Wobei die politische Komponente, die ja nun schon erstaunlich genug für The National ist, nur einen Teil der gelungenen Überraschung ausmacht. Neben der dunklen, hadernden, bedrohlichen Lyrik von „Walk It Back“ (mit einem ziemlich gruseligen Zitat zum Selbstverständnis der Neuen Rechten), „The System Only Dreams In Total Darkness“ und „Turtleneck“, neben dem ganzen Grant also, denn Berninger vorträgt, zeigt sich der Sound der Band von umwerfender Frische und Wandelbarkeit. Die Hälfte des Albums wurde offenbar völlig angstfrei in die Hände verständiger Programmierer gelegt, es pluckert, pocht und klackt nach Herzenslust und zwar immer an der richtigen Stelle, der Groove paßt und man merkt, wieviel Berninger, der zusammen mit den Dessners produziert hat, wohl aus seiner Zeit bei EL VY an lohnenswerten Erfahrungen einbringen konnte.



Darüber hinaus gibt es kratzig schiefen Bluesrock („Turtleneck“), zärtliche Liebeserklärungen an Frauen und Städte („Born To Beg“, „Guilty Party“) und sogar ein paar klug dosierte Erinnerungen an die alten Hits auf „Boxer“ und „Alligator“, hier mit schwungvollen Gitarren zu „Day I Die“. Noch mehr ließe sich noch aufzählen – die rührende Widmung an die kürzlich verstorbene Schwiegermutter von Aaron Dessner („Carin At The Liquor Store“) ist nur ein Moment von vielen. Dass Matt Berninger die anfängliche Vermutung vielleicht nicht ganz daneben findet, darauf könnte man bei seiner Erklärung des Plattentitels schließen: „… the beast for me isn’t a negative thing: it’s the future. We’ve all got kids, and when I see all of our kids… They’ve got a challenge ahead of them, but I feel positive about the future. The beast is like, wait until the youth wakes up. It’s an abstract thing.“ Musik wie diese könnte den Jungen und den Alten sicher dabei helfen, mit dem Beast klarzukommen, wenn es sich schon nicht von selber trollt. http://americanmary.com/

21.10.  Hamburg, Elbphilharmonie
23.10.  Berlin, Tempodrom
24.10.  Berlin, Tempodrom

Sgrow: Beim Namen genommen

Namen sind Schall und Rauch, sagt man. Stimmt aber gar nicht. Denn schon die Protagonisten Vilde Nupen und Kristoffer Lislegaard lesen sich mit wohligem Schaudern und wenn man dann noch ihr gemeinsames Projekt Sgrow über die Lippen bringt, ist die Assoziation perfekt: Nordisch karge Kühle, mystische Landschaften, alles ziemlich düster. Ähnliches läßt einen dann auch die Musik empfinden - gerade haben die beiden mit "Feel Something" einen neuen Track ins Netz gestellt, der recht bedrohlich scheppert und einen kräftig durchschüttelt, auch wenn Nupens Stimme eher zart bleibt. Das Debütalbum des Duos aus Norwegen ist 2015 unter dem Namen "Terrors And Ecstasies" erschienen, nach einem ausgiebigen Aufenthalt in Toronto ist der Nachfolger nun für Oktober geplant.

Update: Mit "Kismet" gibt es einen weiteren Song des unterkühlten Duos aus Oslo zu hören - das neue Album wird im Übrigen "Circumstance" heißen und am 10. November erscheinen.


Wild Ones: Singe lieber ungewöhnlich [Update]

Ist die Suche nach dem geeigneten Sommerhit eigentlich schon abgeschlossen? Wenn nicht, wie wäre es mit den Wild Ones aus Portland und ihrem flirrenden "Paresthesia"? Die Wahl würde jedenfalls ein ganz besonderes Stück treffen, hört man nämlich Sängerin Danielle Sullivan genauer zu, wird schnell klar, daß sich hinter der wundervollen Melodie ein sehr ernsthaftes Thema versteckt - es geht um Angstzustände, Nervenstörungen, Dinge also, mit denen man sich eigentlich ungern beschäftigt und die man in solchem Rahmen schon gleich gar nicht besingt. Gerade das aber macht das Stück und die Band so interessant, man darf sich schon mal den 6. Oktober vormerken, dann nämlich erscheint bei Topshelf Records das Album "Mirror Touch". Ganz so unbekannt sind die fünf im Übrigen nicht mehr, vor zwei Jahren wußten sie schon mit ihrer EP "Heatwave" zu überraschen.

Update: Und hier kommt mit "Standing In The Back At Your Show" die zweite Single dieser wunderbaren Band.

Donnerstag, 14. September 2017

Kraftklub: Platte mit Stil

Das hätte sich Ol' Dirty Bastard zu Lebzeiten auch nicht träumen lassen, daß sein Song mal als Soundtrack für die Plattenbau-Ästhetik von Ol' Dirty Karl-Marx-Stadt herhalten darf: Laut Felix Brummer war "Chemie Chemie Ya" auf der Zitatescheibe "Keine Nacht für Niemand" von Kraftklub als Hommage an den New Yorker Rapper gedacht, dazu ließ nun Regisseur Sebastian Tomczak die Kamera durch die Betonfelsen von (Vermutung) Fritz-Heckert-Town fahren. Abgefuckte Ostoptik, funktioniert eigentlich immer.

A Certain Ratio: Auffrischung

Als ob sie's nötig hätten: Das honorige Label Mute Records hat offenbar zum Beginn des vierten Quartals beschlossen, sich bei der Hörer- und Käufergunst ganz vorn zu platzieren und also 2017 zu einem ganz besonderen Jahr zu machen. Kürzlich haben die Briten bekanntlich verkündet, das Gesamtwerk der Industrial-Pionieren Throbbing Gristle auf Vinyl wiederzuveröffentlichen, nun gaben sie bekannt, daß Ähnliches auch mit den genauso heiß verehrten Helden des Post Punk A Certain Ratio passieren soll. Den Anfang machen am 24. November die Alben "The Graveyard And The Ballroom" (in der limitierten Version mit farbiger PVC-Hülle, CD und Kassette), "To Each" und "Force" (beide farbiges Vinyl), im Februar 2018 folgen dann "I'd Like To See You Again", "Good Together" und "acr:mcr". Und weil das alles so wunderbar ist, gibt es hier noch einen kleinen Labelsampler der Band vorab und die Nachricht, das A Certain Ratio am 16. Dezember in Manchester spielen werden - wer also um die Weihnachtszeit noch nichts vorhat...

Febueder: Erwachen [Update]

Und noch einmal Alternativ-Pop, diesmal aus dem englischen Ascot: Von dort stammt das Trio Febueder - seit 2010 musizieren Kieran Godfrey (Gesang, Gitarre) und Samuel Keyssel (Percussion) miteinander, 2015 kam Toby Ingram (Bass) hinzu, am 12. Mai soll nun ihre neue EP "From An Album" erscheinen. Fünf Tracks wird sie enthalten, für "Morning Yawn" hat Timothy Jacob Elledge ein Video mit starken Bildern beigesteuert.

Update: Und hier kommen mit "Shapeshifter" und "Stilts" noch weitere Songs der EP.





The Lumes: With Compliments [Update]

Das ist mal ein Satz, auf den man sicher auch im Raum Stuttgart nicht wenig stolz ist: "‘Envy’ combines the relentless noise rock of Protomartyr and Die Nerven with the dynamic shifts of The Pixies." Daß Die Nerven als Referenzgröße für die niederländische Formation The Lumes herhalten, dürften die schwäbischen Noiserocker schon als Kompliment verstanden wissen, zeigt es doch, daß ihr Stil - gerade wieder auf dem fulminanten Album "Live in Europa" manifestiert - durchaus ein prägender ist. Die Parallelen jedenfalls sind schnell herauszuhören, Post-Punk meets treibenden Gitarrenlärm, im Oktober wird besagte EP "Envy" bei Crazysane Records erscheinen und die erste Vorabsingle "Compulsion" ist schon mal eine Wucht - wen es nach mehr verlangt, der darf sich gern mal bei Bandcamp umtun, dort steht die ältere 12" "Lust" im Stream bereit.

Update: Gern wollen wir hier das Video zum Song "Slow" ergänzen.



Mittwoch, 13. September 2017

LCD Soundsystem: No Future

LCD Soundsystem
„American Dream“

(DFA)

Hatte wirklich jemand angenommen, dieser Mann würde die Sache mit der Rückkehr ohne die nötige Ernsthaftigkeit, also mit einem irgendwie halbherzig zurechtgeschusterten Album angehen? Nun, James Murphy läßt sich vielleicht gern mit weit aufgerissenem Mund beim Gähnen ablichten und die Eingangssequenz seiner herrlichen Konzertdoku „Shut Up And Play The Hits!“ zeigt ihn ja auch, wie er sich mit Mühe aus dem Bett seines Appartements wälzt. Aber der Kreativkopf der New Yorker Elektropunk-Kolchose LCD Soundsystem, da sollte man sich nicht täuschen lassen, ist ansonsten ein überaus ausgeschlafenes Kerlchen, der genau weiß, welches Risiko er mit diesem Vorhaben eingegangen ist und daß dieser Schritt in der Branche eigentlich als unverzeihlicher Kardinalfehler gilt und jedem anderen als Geltungssucht, Verbohrtheit, Altersstarrsinn, Geldgier (oder im schlimmsten Falle gleich alles zusammen) ausgelegt worden wäre. Er hat schließlich seiner Zeit nicht nur ein seitenlanges Erklärungsschreiben zur anstehenden Reunion seiner Band verfasst (bevor Medien erst sozial, später asozial wurden, nannte man so etwas einen „Offenen Brief“), sondern mit „Change Yr Mind“, ebenso ungewöhnlich, seine Gedankenwelt dazu auch noch in einen seiner neuen Songs verpackt.

Natürlich ist es eine ganz und gar vorzügliche Platte geworden. Und auch wenn mancher Track auf dem monumentalen Doppeldings vielleicht eine Spur zu lang geraten ist (was im Übrigen auch auf den vorangegangenen Werken der Band üblich und sogar gewünscht war), entspricht das ja eher dem ureigenen Stil des Kollektivs, welches seit jeher funkige und punkige Loops zum Zwecke der Masseneuphorisierung endlos aneinander koppelte – get to trance, Baby! Und damit nicht genug: Denn wir reden hier vom wahrscheinlich besten David-Bowie-Album nach dem viel zu frühen Ableben des Meisters selbst. Nicht erst jetzt, aber besonders nach dem Tod des dünnen weißen Magiers zeigt sich gerade im aktuellen Geschäftsjahr, von welche essentieller Bedeutung Leben und Werk des musikalischen Chamäleons für viele Künstler war, James Murphy ist da nicht allein. Er hat schon früher oft und gern mit Bowie kollaboriert und zeigt auch jetzt auf „American Dream“, wie nahe er ihm in vielerlei Hinsicht steht. Viele der Stücke, stellvertretend könnte man vielleicht „I Used To“ nennen, erweisen sich als ähnlich wandelbar, vielgestaltig und stilübergreifend und machen so den schmerzlichen Verlust vielleicht ein wenig erträglicher.

Wie tief dieser bei Murphy selbst noch sitzt, davon singt er in epischer Breite bei „Black Screen“, dem letzten Song des Albums – ganz der „Space Oditty“ verpflichtet, spürt er seinem Idol sowohl im weiten Raum des Hier und Jetzt als auch im Kosmos überhaupt nach, zwölf Minuten traurige Besinnlichkeit zum Fade Out. Generell aber, zumindest musikalisch, ein unendlicher Spaß: stampfende, schnalzende, pochende Beats überall, die Drums mal blechern, mal synthetisch maximal gepitcht, jeder Track ein signature move für dankbare Fans und auch die Reminiszenzen an die eigentlichen Gründerväter, also Joy Division und New Order, werden keinesfalls vergessen („Call The Police“/„Emotional Haircut“). Zu guter Letzt, das läßt sich nicht verkennen, steckt dem Longplayer natürlich auch der Trump mächtig in den Knochen: Politische Bewußtseinsbildung, also Enttäuschung, Wut, Unsicherheit im Großen wie im Privaten spiegeln sich hier wider, die Umarmung der grauen, gestrigen, aber eben auch vertrauten Zeiten („Call The Police“) kommt auf’s Tablett sowie der Unbill zunehmenden Alterns („American Dream“) oder der Verlust enger Freunde („How Do You Sleep“). Der Punk in Murphy sagt „No Future“, wird melancholisch und bereitet doch sehr viel Freude. Gut gemacht! https://lcdsoundsystem.com/

King Krule: Weiterzaubern [Update]

Man hat, das wird einem schnell klar, noch lange nicht genug von diesem blassgesichtigen Rotschopf aus London, der sich vor ziemlich genau vier Jahren mit seinem Debütalbum anschickte, der Welt auf smarte Weise und mit einer Stimme, die der Abgrund war, zu zeigen, daß Pose nichts und Können so ziemlich alles ist. "6 Feet Beneath The Moon" hieß die Platte von King Krule damals und wer den Ron Weasley des Jazz-Pop jemals live gesehen hat, der weiß, dass der es wirklich ernst meinte. Nun, es gibt Neues - "Czech One" lautet der Titel eines ersten Songs (vorerst als 7" mit der B-Seite "Dum Surfer" via True Panther) des mittlerweile zum Twentysomething gereiften Musikers Archy Marshall, dazu ein wunderbar surreales Video von Frank Lebon und ein paar Tourdaten.

30.11.  Zürich, Rote Fabrik
01.12.  Köln, Bürgerhaus Stollwerck
03.12.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
04.12.  Berlin, Astra

Update: Nun haben wir einen Namen - das Album wird "The Ooz" heißen und am 13. Oktober bei True Panther/XL-Recordings mit neunzehn neuen Stücken erscheinen, zum Song "Dum Surfer" gibt es an dieser Stelle auch noch ein Video.



Sam Fender: Hoffnungsvoll

Talentierte junge Männer mit Gitarre gehen immer - erst kürzlich hatten wir hier Kane Strang im Programm und der hatte beileibe kein schlechtes Album abgeliefert. Heute nun also mit Sam Fender ein Junge aus Newcastle, der noch nicht so viele Songs auf dem Konto, aber dafür schon viele Fürsprecher zählt und unter anderem schon mit Hozier, Daughter, Catfish And The Bottlemen und Michael Kiwanuka die Bühnenbretter teilte. Nach seinem feinen Songdebüt "Play God" schickt er gerade die Single "Greasy Spoon" ins Rennen, wer auf den Geschmack gekommen ist, kann schnell noch auf einem der beiden ausstehenden Konzerte vorbeischauen.

13.09.  Frankfurt, Batschkapp (Support Bear's Den)
14.09.  Bochum, Zeche (Support Bear's Den)
15.09.  Haldern, Haldern Pop Bar (solo)

Dienstag, 12. September 2017

Charlotte Gainsbourg: Die Ruhelose

Ob nun Rare Tracks, Kollaboration oder Soundtrack - auch wenn Charlotte Gainsbourg weg war, war sie das - zumindest musikalisch - nie so richtig. Aber strenggenommen gab es auch seit ihrer Platte "IRM" aus dem Jahr 2009 kein wirkliches Studioalbum mehr zu hören. "Stage Whisper" hielt 2012 allerlei Seltenes und live aufgeführtes bereit, für "Nymphomaniac", den Film von Lars von Trier, für den sie vor der Kamera stand, lieferte sie auch noch die passende Musik und die Herren Beck Hansen und Emile Haynie durften ihre Werke mit dem Namne der Französin schmücken. Nun aber doch etwas durch und durch Eigenes - "Rest" soll es heißen und am 17. November erscheinen und wie man hört, sind auch Paul McCartney und Owen Pallett mit von der Partie, den Titelsong hat übrigens Guy-Manuel de Homem-Christo, eine Hälfe von Daft Punk, mit ihr eingespielt (das Video dazu gibt es vorerst exklusiv bei Apple).

Pale Honey: Größer denken

Schweden bleibt, wie sollte es anders sein, en vogue: Vor zwei Jahren hat das Duo Pale Honey aus Göteborg das gleichnamige Debütalbum veröffentlicht und dem Begriff LoFi eine neue, lohnende Facette verliehen. Die neue Platte von Tuva Lodmark (Gitarre) und Nelly Daltrey (Drums) soll nun, so haben die beiden bekanntgegeben, erwachsener klingen und offensichtlich, glaubt man der ersten Auskopplung "Get These Things Out Of My Head" ist das Ding mit der Enthaltsamheit auch ein Stück weit passé. Dafür spricht auch, daß mit Anders Lagerfors ein neues Bandmitglied mit an Bord ist, am 13. Oktober soll "Devotion" bei Bolero Recordings erscheinen.